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VERWUNDETES ISRAEL

Teil 1: Im Spannungsfeld

von Brigitte B. Nussbächer

Wie wir Israels Kampf mit der Hamas, das Ringen um die Freilassung der Geiseln und den Angriff des Irans hautnah erleben.
Unsere Israel – Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen im April 2024.

Davidstern grün

Ankunft unter drohenden Vorzeichen

Am Abend des 7. April 2024 kommen wir endlich in Israel an. Auf den Tag genau sechs Monate nach dem Massaker der Hamas. In Deutschland gilt eine Reisewarnung für Israel – es wird deutlich von Besuchen in dem Land abgeraten. Und die Lage hat sich keineswegs entspannt. Im Gegenteil: der Iran droht mit Rache für den Angriff auf das Botschaftsgelände in Damaskus. Israel bereitet sich auf einen Mehrfrontenkrieg vor und hat 28 israelische Vertretungen (Botschaften und Konsulate) weltweit geschlossen; am 6. April sein Militär in höchste Alarmbereitschaft versetzt, den Wochenendurlaub für Kampfeinheiten gestrichen, etliche Reservisten zu Luftverteidigungseinheiten zurückgerufen und GPS-Signale blockiert. Das Heimatfrontkommando weist alle Bewohner an, Wasser und Lebensmittel in den Bunkern zu deponieren, ebenso wie batteriebetriebene Radios, Leuchtmittel, Batterien, Erste-Hilfe-Ausrüstung und Medikamente.


Wir haben uns trotzdem nicht von unserer Reise abbringen lassen. Unsere Liebe, unser Bedürfnis, diese sichtbar zu machen und zu helfen wo wir können, hat überwogen.

Auf die Gefühle, die dabei in mir hochsteigen, war ich nicht gefasst. Auf einmal ist all das, was man zwar mit größtem Interesse und Empathie aus der Ferne verfolgt hat, ganz nah. Und auf einmal ist man selber betroffen – es ist kein fremdes Schicksal mehr. Das Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins, der Schutzlosigkeit, das mit der Nacht kommt, werde ich nicht mehr vergessen. Die Angst einzuschlafen – aus Furcht davor, unter welchen Umständen man aufwachen wird. Die Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen wollen. Ich spüre einen Bruchteil des Schreckens, mit dem Israel schon so lange lebt.

Der Ben Gurion Flughafen – vertraut und doch fremd. So leer haben wir ihn nie gesehen. Außer uns sind nur noch 4 Personen ohne israelischen Pass eingereist. Es ist das erste sichtbare Zeichen, wie sehr sich hier alles verändert hat.

Die ersten Tage sind wir in Tel Aviv. Wir erkundigen uns am Abend in unserem Hotel nach dem Bunker und erfahren, dass es keinen gibt, weil das Haus bereits 1866 gebaut wurde. Wir packen eine Nottasche, um im Falle eines Angriffs das Wichtigste griffbereit zu haben.

Lebendiges Mahnmal – der Platz der Geiseln

Hier sprudelte einst das Leben, hier waren wir von der Lebensfreude der Israelis beeindruckt, als wir das erste Mal nach Israel kamen. Heute ist das Lächeln aus vielen Gesichtern gewichen. Der Platz vor dem Tel Aviv Museum of Art hat eine neue Bestimmung erhalten. Hier versammeln sich die Angehörigen von Entführten um ihre grausamen Erlebnisse zu erzählen und die Erinnerung an die Geiseln lebendig zu erhalten.

Der Kampf gegen das Vergessen

Wir treffen eine Familie aus Nahal Oz. Sie sind da, um die Geschichte ihres Kibbutzes zu erzählen.

Es ist die erste dieser Schilderungen aus erster Hand, die wir hören. Und wie auch das persönliche Erleben der Schrecken in der Nacht verändert sie unsere Perspektive. Wir lassen uns auf das Geschehen ein und werden ein Teil davon. Ihre Geschichte wird zu unserem Auftrag.

Dass sie heute hier sitzen, ist für sie nicht selbstverständlich, denn ursprünglich hatten sie vor, ihren Sohn am 6. Oktober, an der Grenze zu Gaza, zu besuchen. Da aber der Kibbutz, in dem er wohnte, sein siebzigstes Jubiläum seit Entstehung am 7. Oktober feiern wollte, beschlossen sie, einen Tag später anzureisen.

Inmitten einer grausamen Wirklichkeit bewahren sie Menschlichkeit. Wir sind beeindruckt von ihrer Zuversicht. Als wir erzählen, warum wir hier sind und unser schriftliches Gebet nach Psalm 23 übergeben, sind sie überrascht und sichtlich beeindruckt.

Begegnungen in Tel Aviv

 

Auf dem Heimweg treffen wir ein paar junge Offizierinnen in einem Cafe. Die israelischen Soldaten, die für die Sicherheit ihres Volkes kämpfen, sind seit Monaten sowohl psychisch als auch physisch extremen Belastungen ausgesetzt.

Er ist vor zwei Tagen von der Front zurückgekehrt und arbeitet jetzt als Schichtleiter im Restaurant.


Seinen Militärdienst hat er ursprünglich als Mechaniker bei der Navy absolviert. In diesem Krieg hat er als Mechaniker bei den Panzerbrigaden gedient und die defekten Panzer aus Gaza wieder instandgesetzt.

Jetzt hofft er, sein Privatleben wieder aufnehmen zu können … für eine Weile. Denn er rechnet damit, schon bald wieder einberufen zu werden, wenn der Konflikt mit dem Libanon oder mit dem Iran eskaliert.


Allgemein ist die Einschätzung die, dass der Kampf gegen die Hamas im Gazastreifen der weniger gefährliche ist und der Krieg mit den viel stärkeren Gegnern Hisbollah und Iran noch bevorsteht.


Was für Gal das während dieser schweren Zeit ermutigend war? Der Zusammenhalt an der Front sowie die Liebe und Fürsorge, die er als Soldat von der israelischen Zivilbevölkerung erfahren hat.

Wir sprechen auch mit Daniel, dem stellvertretenden Hotel Manager vom Drisco Hotel. Wir sind die einzigen ausländischen Gäste des Hauses zur Zeit und da er lange in Österreich gelebt hat, möchte er uns kennen lernen. Wir setzen uns auf der Terrasse zusammen. Er hat seit Kriegsbeginn vier Monate lang als Reservist gedient und hat vor drei Wochen geheiratet, wegen des Krieges später als ursprünglich geplant. Über seine Zeit an der Front möchte er nicht sprechen.

Aber er plant Israel für einige Jahre zu verlassen und erst wieder zurück zu kehren, wenn hier mehr Stabilität und Sicherheit herrscht. Diese traurige Entscheidung zeigt deutlich, wie viele Israelis schockiert, verunsichert sowie traumatisiert sind – und hoffnungslos. Denn jeder der geht, gibt die zweitausend Jahre alte Hoffnung auf, ein unabhängiges Volk in der alten Heimat zu sein.Und jeder, der geht, erfüllt letztendlich das Ziel der Hamas: die Juden aus Israel zu vertreiben.

Am Nachmittag sind wir mit Mor, einer Managerin im Restaurant George & John, Tel Aviv verabredet.

Sie ist die Enkelin von Juden aus dem Jemen, Ägypten, Persien und der Türkei. Während die einen Großeltern schon vor 1948 einwanderten, mussten die anderen ihre arabischen Herkunftsländer nach dem Unabhängigkeitskrieg verlassen.

Sie gaben vor, nach Italien zu reisen und ließen all ihr Hab und Gut zurück, weil ihre Auswanderung nicht genehmigt worden wäre. Die Besitzurkunde für ein kleines Grundstück ließen sie von einem Schuster in der Schuhsohle verbergen, um sie mitnehmen zu können.

 

Das Restaurant, in dem Mor arbeitet, wurde am 8. Oktober nach dem Angriff der Hamas geschlossen und erst im Dezember wiedereröffnet. Die „freie“ Zeit haben die Angestellten genutzt, um Essen für die Soldaten zuzubereiten und um Evakuierte zu versorgen.

Sie erklärt: dies ist kein normaler Krieg. Jede Menschlichkeit wird ausgenutzt. Terroristen simulieren Kinderweinen in scheinbar verlassenen Häusern, um Soldaten in die Falle zu locken. Arabische Frauen geben vor, Hilfe zu brauchen, damit Israelis abgelenkt und aus dem Hinterhalt angegriffen werden können. Nichts ist, wie es scheint. Von den Soldaten, die zurückkehren, leiden viele an einer posttraumatischen Belastungsstörung.


Grundsätzlich macht sie sich aber mehr Sorgen um die Gesellschaft als um Raketen. Nach dem Angriff sind alle zusammengestanden, aber jetzt brechen die alten Differenzen wieder auf. „Unsere Gesellschaft braucht Heilung, wir müssen lernen, vereint zu sein, auch wenn wir teilweise unterschiedliche Meinungen haben“. Ein normales Leben wird auch für Mor erst wieder möglich sein, wenn alle Geiseln befreit wurden und wenn die Evakuierten zurückkehren konnten. Sie ist sich sicher, dass viele wieder an die Grenzen zurückziehen werden - aus Liebe zu Israel, um das Land zu schützen. Bis dahin findet „nicht Leben, sondern Überleben statt“. Anders würde sie sich schuldig fühlen.

 

Das Messen mit zweierlei Maß, das heuchlerische Besserwissen der Welt enttäuscht sie. Trotzdem ist sie zuversichtlich, denn Israel ist durch die Jahrtausende immer und immer wieder durch extrem schwere Zeiten gegangen und hat trotzdem überlebt. „Man kann unsere Herzen brechen, aber nicht unseren Geist“.

 

Ihre Bitte an uns: „schafft Bewusstsein für unsere Situation, erzählt von dem, was ihr hier erlebt und lasst nicht zu, dass die Geiseln vergessen werden.“

Nach drei Tagen geht unsere Reise weiter nach Jerusalem. GPS-Störungen, die Raketenangriffe in die Irre leiten sollen, treten auf und erinnern an die konstante Bedrohung durch die Hisbollah und den Iran: wir sind auf dem Weg zur Kotel (Westmauer) als unser Navi uns in Kairo ortet.


Den Platz vor der Kotel haben wir noch nie so leer gesehen. Doch dafür ist es jetzt wirklich ein Ort des Gebetes. Keine schreienden Touristen mehr, die posieren und Selfies machen. Die Atmosphäre ist ganz wunderbar.

Am nächsten Morgen setzen sich die Eindrücke so fort. Wir sind allein im Frühstücksraum des Bezalel Hotels und als wir danach in die Altstadt gehen, stellen wir fest, dass die einst dichtbelebten, lebhaften Gassen des Bazars wie ausgestorben sind. Ist die „Heilige Stadt“ im Krieg zur Geisterstadt geworden?


Jerusalem blieb am 7. Oktober äußerlich unversehrt. Doch die zahlreichen Terrorattacken hier danach und die aktuelle Bedrohung prägen die Atmosphäre in der Stadt, genauso wie die Angst um die Soldaten an der Front und die Trauer um die Ermordeten, Gefallenen und Entführten. In Tel Aviv war der Schmerz sehr laut, hier ist er leiser, aber überall spürbar. Israels offene Wunden bluten seit Monaten und rauben dem Land Lebenskraft: der nicht zu Ende geführte Kampf gegen die Hamas, die grausamen Verluste und das Leiden der Geiseln.

Erstveröffentlichung: 20. Mai 2024

Deutsch:  Israel Heute   CSI    CFFI

Englisch:  Israel Today

Copyright ©  Brigitte B. Nussbächer; Abdruck nur nach vorheriger Genehmigung

Aber auch hier holt einen die Realität ein: überall an den Seiten sind Schilder mit Hinweisen zu Schutzräumen angebracht, die es früher nicht gab.


Auf dem Heimweg kommen wir über den großen Platz bei der Hurva Synagoge. Einsam und dunkel. Außer uns nur noch eine weitere Person. Jerusalem ist wunderschön in der Dämmerung, aber außer uns freut sich kaum jemand daran.

Wiedersehen mit guten Freunden

Der nächste Tag steht im Zeichen von Begegnungen mit alten Freunden. Zuerst kommt Aviel Schneider von Israel Today vorbei, um uns willkommen zu heißen und danach treffen wir Moshe Kempinski vom Shorashim Shop auf dem Platz vor der Hurva Synagoge. Das war einst ein quirliger Ort der Begegnung, meist war der Laden zu klein für die vielen Besucher und Kunden. Heute sind nur wir da.

Er schreibt Artikel und veröffentlicht sie, aber es war ihm auch wichtig, während der ganzen Kriegszeit ein Licht auf diesem Platz zu sein und zu bleiben. Außerdem dient er als Freiwilliger im Krankenhaus und versucht, jeden Tag ein paar Stunden lang, das Leben der Patienten zu erleichtern, zu verschönern, ihnen Wertschätzung und Zuwendung zu zeigen und dadurch wieder ein Lächeln auf ihre Gesichter zu zaubern. Er packt überall mit an, keine Aufgabe ist ihm zu niedrig oder zu schwer. Für ihn ist diese Zeit und alles was geschieht, kein Rückschlag, sondern eine Möglichkeit innerlich kraftvoller und besser zu werden. Seine Augen leuchten voller Wärme und Zuversicht bei diesen Worten.

 

Durch Persönlichkeiten wie ihn hat Israel eine unglaubliche Widerstandskraft und innere Stärke. Er berichtet von Menschen, die trotz dieser Zeit oder gerade wegen dieser Zeit nach Israel einwandern, um ihr Land zu unterstützen. Hier ist die Hoffnung, die Juden durch 2000 Jahre Vertreibung und Exil getragen hat noch lebendig – und die Bereitschaft alles dafür zu investieren, dass es so bleibt.

Tragt die Wahrheit in die Welt hinaus

Doch alles hat sein Gutes - so hat Moshe Zeit mit uns zusammen zu sitzen und uns zu erzählen, wie die letzten Monate für ihn waren. Und es ist beeindruckend, wie er versucht hat, sie bestmöglich zu nutzen:

Am Abend schließlich besucht uns Corinne Goldberg. Sie ist Reiseleiterin und wir hatten das Privileg, dass sie unsere erste Israel-Reise begleitet hat, die für uns lebensverändernd war. Sie erzählt uns, dass sie in den ersten Wochen nach dem Massaker wie gelähmt war, von dem Gefühl des im Stich gelassen werden, und dem berechtigten Unverständnis dafür, wieso es für die Welt so normal scheint, dass Israel angegriffen werden darf.

Aber sie erzählt auch davon, wie das israelische Volk nach dem 7. Oktober zusammengerückt ist und eine neue Kraft in sich mobilisieren konnte. Auch hier bekommen wir auf unsere Frage, wie wir helfen können, die Antwort: indem ihr die Wahrheit in die Welt hinaustragt und eine Stimme für Israel seid.

Vorboten des iranischen Angriffs

Während der fünf Tage seitdem wir in Israel sind, werden die Drohungen betreffs des iranischen Angriffs immer lauter. Am Freitag, den 12 April wird es dann ganz konkret. Wir werden vom Deutschen Auswärtigen Amt kontaktiert. Es wird uns empfohlen in der Nähe des Schutzraumes zu bleiben und darin Wasser, Lebensmittel und Medikamente vorzubereiten. Die Schlagzeilen in den israelischen Medien lauten: „Israel bereitet sich auf einen direkten Raketenangriff aus dem Iran innerhalb von 24 bis 48 Stunden vor!“ Washington weist seine Mitarbeiter und Diplomaten an, ihre Domizile nicht zu verlassen. Egal in welche Medien man sieht, überall schreien einem die Warnungen entgegen.

Wir haben für Freitag Besuche bei von dem Krieg betroffenen Familien geplant, die uns die Ortschaft zeigen wollen, aus der sie vor sechs Monaten evakuiert wurden: in Kerem Shalom, ganz im Süden Israels - mehr als 2 Stunden Fahrt entfernt. Sie wünschen das, trotz der bedrohlichen Lage. Ein ganz praktisches Beispiel, wie man der Gefahr trotzt und sich der Gewalt nicht beugt. Gerade die Bewohner der Grenzregion haben lange Erfahrung damit. Aber erst, nachdem wir die beeindruckende Geschichte von Roni und Ofers Einsatz als medizinische Ersthelfer während des Hamas Angriffs  gehört haben, (über die ich im Artikel „Das Erbe des 7. Oktober“ detailliert berichten werde), verstehen wir richtig, wie überaus mutig und unerschrocken sie tatsächlich sind.

Für uns ist so eine Situation ein absolutes Novum. Wann wurde einem in den letzten 70 Jahren in Westeuropa empfohlen, sein Haus wegen der Gefahr eines militärischen Angriffs nicht zu verlassen? Aber wir sind nicht als Touristen hier. Wir sind mit dem Ziel gekommen, uns mit Israel eins zu machen, anzupacken und zu helfen, wo wir können; Zeitzeugen zu sein. So entscheiden wir, trotzdem zu fahren.

Tatsächlich finden am 12. April „nur“ Angriffe aus dem Libanon auf Galilea mit über 40 Raketen statt und in Samaria (Westbank) wird ein israelischer Hirtenjunge von Arabern entführt und zu Tode gesteinigt. In Folge kommt zu heftigen Zusammenstößen zwischen Palästinensern und der IDF, die den Jungen sucht.

Sofern das überhaupt möglich ist, werden die Drohungen am nächsten Tag, Samstag, den 13. April noch heftiger. Auch Bekannte aus Israel schreiben uns, dass sie sich nicht mehr von ihrem Schutzraum weggehen. Wir haben uns in unserem Hotel erkundigt, was wir tun können. Es wurde uns ein Lagerraum gezeigt, der verstärkte Wände hat und eine Metalltüre. Natürlich können wir hier nichts vorbereiten oder für den Notfall lagern.

An diesem Tag sollten wir nach Kfar Azza fahren, einem der am stärksten zerstörten Kibbuzim neben dem Gazastreifen. Ralph wollte uns die tragische Geschichte des Ortes erzählen, in dem er und seine Familie die letzten 44 Jahre wohnten. Wir fragen, ob wir trotzdem kommen sollen. Wir möchten ihn auf keinen Fall in Gefahr bringen – auch für ihn sind es mehrere Stunden Fahrt. Seine Antwort ist ein deutliches Ja, er möchte sich dem Terror nicht beugen. Wir fahren also wieder in Richtung Süden los. Am Shabbat gibt es sowieso wenig Verkehr, aber jetzt ist kaum ein Auto auf den Straßen. Wir haben uns erkundigt, was wir tun sollen, wenn uns ein Angriff auf dem Weg überrascht: das Fahrzeug verlassen, sich auf den Boden legen und den Kopf mit den Händen zu schützen. Auf Autobahnen und Überlandstraßen gibt es sonst keine Schutzmöglichkeiten.

In Kfar Azza hören wir deutlich Maschinengewehrfeuer, Bomben und Drohnen im nahen Gaza. Teilweise ist es so laut, dass es schwer wird, Ralph zu verstehen. Er zuckt nicht mit der Wimper – uns fällt es schwerer, so gelassen zu sein. All das, was wir bisher nur aus Schilderungen und Filmen kannten, umgibt uns jetzt. Wir gehen über verbrannten Boden und stehen vor Ruinen – begleitet von der düsteren Schicksal-Symphonie der Kämpfe ganz in der Nähe. Ab jetzt sprechen wir als Augenzeugen.

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Am nächsten Morgen sind wir froh über eine Nacht ohne Angriffe - nach einem Tag mit sechs Mal Raketenalarm. Wir machen uns auf zum Platz der Geiseln im Herzen von Tel Aviv. Es ist ein Weg des Schmerzes. Überall säumen Bilder der Entführten, Plakate, gelbe Schleifen, die an sie erinnern den Rothschild Boulevard.

Mitten auf dem weitläufigen Areal steht ein Zelt mit Plakaten der Entführten an den Wänden. Ein langer gedeckter Tisch, der auf sie wartet. Daneben ein ca. 20 Meter langer Tunnel, dunkel, eng und niedrig. Über Lautsprecher ertönen Schüsse. Ein paar Sekunden Gaza Simulation.

„Man kann unsere Herzen brechen, aber nicht unseren Geist“

Umso mehr freuen wir uns über die Treffen, die ganz normal stattfinden: zum Bespiel am nächsten Abend mit Anat und Aviel Schneider von Israel Today. In den ganzen Jahren haben wir viel von Aviel über geschichtliche und politische Hintergründe von Israel gelernt. Er sieht jetzt, nach dem historischen Erfolg in der Abwehr der iranischen Raketen, in Zusammenarbeit mit regionalen Partnern, eine einmalige Chance diese Kooperation weiter auszubauen. Aber wir spüren auch die Narben, die diese Zeit in den Seelen unserer Freunde hinterlassen hat. Monatelang mussten sie um das Leben ihrer drei Söhne und ihres Schwiegersohns bangen, die alle an der Front gedient haben.

Es kam nicht mehr dazu: ihr Sohn kontaktierte sie mit der erschreckenden Nachricht, dass ein massiver Angriff stattfand. Stunden lang trieben die Terroristen ihr Unwesen. Sie zwangen Kibbutz-Bewohner ihre Nachbarn dazu zu bringen, die Türen zu öffnen. 15 Menschen wurden getötet und 5 entführt. Durch ein Wunder blieb ihr Sohn mit seinen Kindern verschont. Das Glück dieses Ortes war, dass etliche Polizisten an dem Wochenende da waren, die den Kampf mit den Terroristen aufnahmen, so dass diese nicht alles verwüsten oder in Brand setzen konnten. Doch nach den Terroristen kamen die Zivilisten um zu plündern, ganze Familien aus Gaza, die mitnahmen was möglich war. Den ganzen Tag mussten die Menschen aus Nahal Oz in Schutzräumen verbringen. Es war Nacht, als sie endlich evakuiert wurden und so blieb ihnen der Anblick der Leichen und das Ausmaß der Zerstörung fürs erste erspart. Heute, sieben Monate später ist ihre Zukunft immer noch ungewiß. Wann werden sie wieder zurückkehren – vom Sommer oder Herbst ist die Rede: wenn der Krieg vorüber ist. Drei der Geiseln wurden bei dem Geiseldeal im November 2023 befreit. Sie schildern, dass sie pro Tag 6 Datteln zu essen bekamen – weiter nichts. Eine von ihnen liegt im April immer noch Krankenhaus. Zwei der Geiseln werden auch sechs Monate später in Geiselhaft gehalten.

 

Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen ist, dass dieser Bericht im Vergleich zu dem, was wir später zu sehen und zu hören bekommen werden, noch zu den weniger tragischen zählt. Es trifft uns mitten ins Herz, von diesen Schicksalen zu hören. So ungeheuerlich, so surreal an diesem schönen, sonnigen Tag.


Auf unsere Frage, wie wir helfen können, meinen sie: erzählt, was ihr hier seht. Lasst die Welt nicht vergessen. Wir versprechen es. Als sie hören, dass wir auf unserer Webseite ARC to Israel darüber berichten werden, sagen sie: "Wir brauchen mehr Menschen wie Euch".

Wie es für ihn ist, aus der Front-Realität wieder in ein „normales“ Leben zurück zu kehren? Er freut sich darauf, denn während der letzten sechs Monate an der Front war es, als wäre sein eigenes Leben stehen geblieben und eingefroren. Nur der Dienst für Israel war noch wichtig.

Die Besuche dieser beiden Tage (siehe Artikel: „Das Erbe des 7. Oktober“) werden zu unschätzbaren Erfahrungen für uns. Mitten in diesem hochgeladenen Spannungsfeld - zwischen den Folgen des Massakers aus dem Oktober und dem bevorstehenden Angriff aus dem Iran - Betroffene zu treffen, sich zusammen mit ihnen dem Schmerz, der Gefahr, den Befürchtungen zu stellen, verändert unsere Wahrnehmung und uns selber!

Der Countdown läuft – den Kämpfen so nah

Eine surreale Schicksalsnacht

Wir kommen unbeschadet am Abend wieder in Jerusalem an und treffen uns zum Abendessen mit Werner Hartstock aus Deutschland, der hier eine Solidaritätsreise leitet. Gegen 22:00 sind wir wieder in unserem Hotel.

Was danach geschieht, ist aus heutiger Perspektive schon wieder surrealistisch.
Das Heimatfrontkommando verschärft die Sicherheitsanweisungen.
Um 22:00 Uhr hören wir, dass das GPS in Jordanien. Irak, Syrien und Libanon nicht mehr funktioniert.

Um 23:00 Uhr kommen die ersten Meldungen, dass der Iran seinen Angriff auf Israel begonnen hat und dass Israel seinen Luftraum schließt. Um 23:30 bestätigt dann der israelische Militärsprecher den Angriff im Fernsehen. Die Hoffnung, dass es sich nur um arabische Fake-News gehandelt hätte, ist damit dahin.

Ein Radarbild zeigt, dass es keinerlei Luftverkehr mehr im Nahen Osten gibt und die iranischen Raketen und Drohnen Israel ungehindert erreichen können. Um Mitternacht wird bekannt gegeben, dass die dritte Welle von unbemannten Drohnen nach Israel aus dem Iran gestartet ist. Diese Drohnen sind 200 kg schwer, befördern bis zu 60 kg Sprengstoff und haben eine Reichweite bis 2.000 km. Man kann ausrechnen, wann diese Flugkörper Israel erreichen werden.

In Jerusalem hört man viele Kampfflugzeuge aufsteigen. Das Brummen am Himmel wird immer intensiver.

Wir haben eine Tasche mit unseren wichtigsten Dingen und Wasser gepackt. Diese werden wir in den sogenannten Schutzraum mitnehmen, wenn die Sirenen beginnen zu heulen. Eine kleine Hoffnung besteht, dass Jerusalem nicht im Fokus des Angriffs steht, weil die Gefahr die Al Aksa Moschee zu treffen groß wäre.

Es ist der Augenblick, wo uns eine seltsame Ruhe überkommt. Als wir diese Reise planten, waren wir uns der potentiellen Gefahr bewusst und haben sie akzeptiert, weil es uns wichtig war, den Menschen in Israel zu zeigen, wie sehr wir sie lieben und dass wir, unabhängig der Umstände, zu ihnen stehen. Wir haben unser Testament aktualisiert und alles Offene abgeschlossen. Auch meine Artikel für Pessach und zum Unabhängigkeitstag sind finalisiert und übergeben, genauso wie das Material für das geplante Israel Event am 14. Mai. Meinen Bericht hier aus Israel habe ich jeden Tag aktualisiert und an meine gute Freundin Ardelle geschickt, mit der Bitte im schlimmsten Fall für eine posthume Veröffentlichung zu sorgen. Wir sind also vorbereitet.

Wir legen unser Leben noch einmal ganz bewusst in Gottes Hand – und gehen danach zu Bett. Es ist 00:21 und es gibt nichts mehr, was wir Sinnvolles tun können und wir möchten nicht als Nervenbündel dasitzen und auf das Eintreffen der Drohnen und Raketen warten, das jederzeit, aber auch erst Stunden später, erfolgen kann. Allerdings bleiben wir voll angekleidet. Mir gehen die Bilder von dem 7. Oktober nicht aus dem Kopf: wie die Hamas die armen Menschen in Pyjamas entführte. Was auch immer geschieht, einen Rest Würde möchte ich behalten.

Unglaublich aber wahr: es gelingt uns einzuschlafen. Um 01:45 Uhr hört man drei laute, harte Explosionen. Der Iron Dome schießt Raketen über Jerusalem ab. Die Sirenen beginnen zu heulen. Wir haben ein paar Sekunden Zeit um den provisorischen Schutzraum zu erreichen – in dem wir die Einzigen sind.

Aber nicht alleine! Die internationale Gebetsgruppe, die wir am 8. Oktober gegründet haben, steht uns treu zur Seite - wir kommunizieren über eine Stunde lang intensiv via WhatsApp.

Das Wunder

Was in dieser Nacht geschah, ist ein Wunder. Die Luftabwehr Israels kämpfte wie ein Löwe um das Land zu schützen und es gelang, fast jede der über 300 ankommenden feindlichen Drohnen und Raketen abzufangen. Das ist unglaublich und beispiellos. Nur ein Kind wurde durch herabfallende Granatsplitter verletzt und eine Militärbasis wurde leicht beschädigt.
Diese Nacht wird in die Geschichtsbücher eingehen und wahrscheinlich an Militärakademien gelehrt werden. Aber die Lektion bleibt unvollständig, wenn das Wirken Gottes nicht genannt wird…

Tatsächlich gelingt es uns in den frühen Morgenstunden noch einmal einzuschlafen. Doch als wir aufstehen spüren wir die Nachwirkungen der Nacht: als die Anspannung nachlässt fühlen wir uns völlig ausgelaugt.

7 Monate nach dem Massaker der Hamas kämpft Israel immer noch um die Freilassung von 132 Geiseln. Foto privat

Noch nie haben wir den Ben Gurion Flughafen so leer gesehen. Foto privat

Der Rothschild Boulevard in Tel Aviv ist zu einer Allee des Schmerzes geworden. Privat.

Ein gedeckter Tisch wartet auf die Rückkehr der Geiseln. Privat

Im Zelt hängen die Bilder aller Geiseln. Foto privat

Die Simulation eines Terror Tunnels in Gaza. Foto privat

Im Zelt der Familie von Nahal Oz. Foto privat

Mit zwei Offizierinnen in Tel Aviv. Foto privat

Gal, der Schichtleiter im Restaurant war bis vor zwei Tagen an der Front. Foto privat

Am gleichen Tag sitzen wir auch mit Gal zusammen.

Daniel, der Junior Hotel Manager plant Israel für einige Zeit zu verlassen. Foto privat

Mor, die Restaurant Managerin, setzt sich für Einheit in Israel ein. Foto privat

Die leeren Straßen von Jerusalem

GPS Störungen

Leere in Jerusalem. Foto privat

Hinweisschilder für Schutzräume. Foto privat

Alleine im Frühstückssalon. Foto privat

Einsame Plätze in Jerusalem. Foto privat

Geschlossene Basarläden.

Moshe Kempinski hat seine Zuversicht bewahrt. Foto privat

Corinne hat vor Jahren unsere ersten Eindrücke von Israel maßgeblich geprägt. Foto privat

Rony und Ofer haben Menschen das Leben gerettet. Foto privat

In Kerem Shalom. Foto privat

Ralf zeigt uns Zerstörungen in Kfar Azza. Foto privat

Raketenüberreste in Ralfs Garten. Foto privat

Sicherheitsanweisungen

Radarbild des Luftraums über Israel

Flugzeit der Flugkörper bis Jerusalem

Im Schutzraum des Hotels beim iranischen Angriff. Foto privat

Raketenalarm in Jerusalem während des iranischen Angriffs.

Der Tag danach


Das Leben geht weiter. Für viele sogar erstaunlich normal. Als wir uns am nächsten Morgen auf den Weg zu Westmauer machen, sind die Straßen nicht leerer als in den Tagen zuvor. Aber es gibt natürlich auch andere, die sich schon seit Tagen nicht mehr getrauen die Nähe ihrer Bunker zu verlassen und deshalb auch Termine mit uns abgesagt haben.

Das Leben geht weiter. Foto privat

Jerusalem ist am Morgen nach dem Angriff unversehrt. Fotos privat

Abendessen mit Anat und  Aviel Schneieder. Foto privat

Fröhliches Karaoke an der Straßenecke. Foto privat

Als wir gehen singt eine kleine Band an einer Ecke. Es sind schöne, melodische Lieder. Um sie herum hat sich ein größerer Kreis gebildet, die jungen Leute hören zu und klatschen. Eigentlich wollen sie nur in Frieden leben ohne von anderen dabei gestört zu werden. Trotz aller schmerzlichen Erfahrungen und obwohl sie des Krieges so müde sind, geben sie nicht auf. Wieder einmal ziehen wir den Hut vor diesem Überlebensmut und dieser Resilienz. Wir haben es von vielen gehört in diesen Tagen: diese junge Generation ist die Hoffnung Israels. Sie wird es schaffen Krieg und Leid zu überwinden.

Für die Zukunft


An unserem letzten Tag in Jerusalem vor der Abreise wird uns das Herz wegen dem Abschied schwer. Uns beschäftigen Gedanken, wie wir hier auch weiterhin ein Segen sein können. Was dieser Tag noch alles bringen sollte, ist uns in keinster Weise bewusst.

 

Wir erfahren von einem Projekt, das traumatisierten Soldaten der IDF gewidmet ist. Sie sollen psychologische Betreuung erhalten um das Schreckliche, was sie gesehen und erlebt haben zu überwinden. Viele von denen, die in den ersten Tagen und Wochen nach dem Massaker dafür verantwortlich waren, die Verwundeten und Leichen zu bergen sind bis heute über die furchtbaren Eindrücke nicht hinweggekommen. Wie grauenhaft die Bilder waren, mit denen sie konfrontiert wurden, kann man nur erahnen, wenn man berücksichtigt, dass nach dem Massaker über 50 der Besucher des Nova-Festivals Selbstmord begangen haben, weil sie mit solchen Erinnerungen nicht weiterleben konnten.

 

Ebenso gibt es viele, die durch den mörderischen Häuserkampf in Gaza, wo die humanitären Einrichtungen von den Terroristen missbraucht werden und überall Fallen lauern, ebenso belastet sind.

Dieses Projekt werden wir zukünftig als mit unserem Verein ARC to Israel unterstützen. Auch werde ich einen Artikel über die Soldaten der IDF schreiben, um mehr Verständnis dafür zu schaffen, wie besonders diese Armee ist und womit sie umgehen muss.

Spontan ergibt sich die Möglichkeit eines ersten Interviews. Diese jungen Männer gehören zur Golani Brigade, die als „die erste Brigade“ (die zum Einsatz kommt) bekannt ist und sind sehr stolz darauf. Ich erkundige mich, was für sie als Soldaten der IDF am wichtigsten ist. Die Antwort kommt prompt und von allen Seiten: die ethischen Standards und die Moral.

Sie kämpfen für Leben, für Frieden, aus Liebe und um ihr Land, ihr Volk zu beschützen. Ich schaue in die Augen dieser jungen Männer. Ich sehe keinen Hass darin, nicht einmal Wut. Aber eine stille Trauer darüber, dass dieser Kampf nötig ist. Ich möchte wissen, was das Schwerste für sie ist: sie zucken die Schultern. Darüber denken sie nicht nach. Sie haben eine Aufgabe und die wollen sie so gut wie möglich erfüllen.

Spontanes Interview mit Soldaten. Foto privat

Und sie betonen: wir kämpfen nicht gegen Zivilisten. Wir helfen Kindern und Frauen – auch im Feindesland. Leider wird dies oft missbraucht. Auf meine finale Frage, wie wir sie unterstützen können, bekommen wir wie fast überall wieder die Antwort: schildert, wie ihr uns erlebt habt. Erinnert die Welt daran, dass uns dieser Kampf aufgezwungen wurde und dass wir ihn zu Ende führen müssen, um danach in Frieden leben zu können.

Und wir treffen auch Sandy, die Leiterin von Bead Chaim.

Mit ihrer Organisation helfen sie evakuierten Frauen aus Israels zerstörten Ortschaften, die in dieser Zeit, ohne ein wirkliches Zuhause, Kinder zur Welt bringen. Seit dem 7. Oktober haben sie über 600 solche junge Mütter besucht und sowohl finanziell als auch persönlich unterstützt.

Auch dies ist ein Projekt, das wir zukünftig mit Spenden unterstützen werden, um diesen jungen Müttern und den neugeborenen Babys zu helfen, aus der Asche ein neues Leben aufzubauen.  

Diese Projekte und das Wissen, dass wir auch aus der Ferne weiterhin mithelfen können, Lasten zu tragen und das Leid zu lindern, machen uns den Abschied ein wenig leichter. Gute Freunde meinen, wir werden früher als wir es ahnen, wieder in Israel sein. Wir hoffen es – denn unser Herz haben wir in Israel gelassen.

Sandy hilft werdenden Müttern aus den zerstörten Ortschaften. Foto: Sandy Shoshani

Aber wir kommen auf jeden Fall mit einem klaren Auftrag nach Deutschland zurück: zu berichten, was wir gesehen und erlebt haben.
Als erstes schreibe ich die tragische Geschichte der getöteten Geisel Maya, die wir am letzten Abend ganz unerwartet erfahren: „Bring Maya Home Now".

Dies ist der zweite Artikel, der die Erlebnisse dieser Tage im April, aus unserer Perspektive widergibt.
Und das tragische Schicksal der Gaza Grenzregion und die persönlichen, erschütternden Erfahrungen  ihrer Bewohner erhalten ihr eigenes Mahnmal aus Worten im nächsten Artikel: „Das Erbe des 7. Oktober“.

Am Israel Chai. Foto privat

Wie wir das Wunder Israel erlebt haben

von Brigitte B. Nussbächer

Wir haben in Israel mit eigenen Augen wahrgenommen, wie Gott zu seinem Volk steht. Wir haben anhand von Fakten und Tatsachen gesehen, wie die Aussagen der Bibel Realität werden und wir haben überall im heutigen Israel Gottes in Erfüllung gehende Verheißungen erlebt.​

Vorausgegangen war eine eher mühsame Entscheidungsfindung. Israel einmal zu besuchen gehörte zur „Allgemeinbildung“ von Christen. Trotzdem hatte es mich nicht hingezogen und die Berichte derer, die von Reisen aus Israel zurück kehrten, hatten wenig dazu beigetragen, es zu ändern. Wenn sie von den sogenannten „Heiligen“ Stätten berichteten, fragte ich mich immer, was es mir denn bringen würde, diese Ruinen oder Gedenkkirchen anzusehen. Viel mehr interessierte mich, was Gott heute in der Gegenwart erlebbar machte.

Letztlich war es dann tatsächlich auch ein anderer Gedanke, der den Anstoß zu dem Besuch gab. 2018 feierten mehrere nach dem 2. Weltkrieg gegründete Staaten ihr 70. Jubiläum – darunter auch Israel. Nachdem wir Dokumentarfilme über Indien und Pakistan zu dem Thema gesehen hatten, fragte ich mich, wie wohl Israel diese 70 Jahre genutzt hatte. Im Vergleich zu den anderen Staaten musste es ungleich schwerer gewesen sein, aus dem Nichts etwas aufzubauen.  Noch 1867 hatte Marc Twain das Land als desolat, eine stille, traurige Weite ohne Mensch, Baum und Strauch bezeichnet. Was war daraus geworden?

Und so begaben wir uns auf eine geschichtliche Studienreise, was sich im Nachhinein als Volltreffer erwies. Nie hätten wir in einem Individualurlaub so viel erfahren und kennen gelernt.

Noch während wir vom Flughafen Ben Gurion nach Tel Aviv fahren, hören wir die Entstehungsgechichte dieser Stadt, von der Parzellverlosung an ein paar Dutzend Familien nördlich der jahrtausende alten Hafenstadt Jaffa im April 1909. Diese wollten auf den Sanddünen, die der niederländische Bankier Jacobus Kann gekauft hatte, die erste jüdische Stadt der Moderne bauen. Und dann fahren wir auch schon an den ersten Hochhäusern vorbei und nach Tel Aviv hinein, welches heute (rund 100 Jahre später) die modernste und weltoffenste Metropole des gesamten Nahen Ostens ist.


Im sehr originell und lebendig gestalteten Palmach Museum in Tel Aviv erfahren wir von dem beeindruckenden Kampf des jüdischen Volkes für seine Unabhängigkeit. Und von der Vorgeschichte: als die UN 1947 beschloss, das ehemalige britische Mandat in 2 Länder aufzuteilen: ein jüdisches und einen arabisches. Von dem Protest der Araber und von dem Druck, der auf die Juden ausgeübt wurde, diese Chance nicht zu nutzen. Von der Proklamation des jüdischen Staates durch David Ben Gurion am 14. Mai 1948 und von dem Angriff der 5 arabischen Länder Ägypten, Syrien, Jordanien, Irak & Libanon um Mitternacht am gleichen Tag.

Man muss sich die damalige Situation vergegenwärtigen. Ca. 650.000 Juden, viele von ihnen Holocaustüberlebende, die gerade erst das Grauen hinter sich gelassen hatten, versuchten Israel, welches als neugegründeter Staat keine Armee besaß, mit Gewehren, Maschinenpistolen und Granatwerfern gegen eine Mehrheit von 160 Millionen Arabern (ausgerüstet mit Panzern, Artillerie, Schützenpanzerwagen, Flugzeugen und Kriegsschiffen) zu verteidigen. Ein Verhältnis von 1 : 246!  Dabei wird einem die menschliche Ausweglosigkeit bewusst und dass das Überleben Israels ein Wunder ist.  Mit Tränen in den Augen verlasse ich das Museum. Jetzt verstehen wir, welch hohen Preis das jüdische Volk (nach der Auslöschung der 6 Millionen durch den Holocaust)  im Unabhängigkeitskrieg für seine Existenz bezahlt hat.

Umso mehr staunen wir über die Lebensfreude und Energie, die heute auf den Strassen Tel Avivs spürbar ist und die wir bei den Menschen, denen wir begegnen, erleben. Wir sehen die Fähigkeit dieses Volkes schnell aus dem Nichts etwas aufzubauen (sie haben weltweit die 2 höchste Anzahl von Start Ups), ihre Genialität Lösungen für scheinbar Unlösbares zu finden, wie zum Beispiel mit Wasserentsalzungsanlagen am Mittelmeer den Wassermangel zu beheben und durch computergesteuerte Tröpfchenbewässerung Plantagen in der Wüste anzubauen. Wir sind überrascht, dass Israel die zweithöchste Akademikerquote und die dritthöchste Patentquote der Welt hat und bewundern, dass 23% aller Nobelpreisträger aus diesem kleinen Volk, dass nur 0,2 % der Weltbevölkerung ausmacht, stammen.

Wir erleben ihre Kreativität sowie ihren Sinn für Kunst und Schönheit. Israel hat gemessen an der Anzahl der Einwohner die meisten Museen und Orchester per capita und liegt auf Platz 2, was die Anzahl der verlegten Bücher anbelangt. Wer hier ein Konzert besucht, wird einem sehr hohen künstlerischen Niveau und großer Begeisterung des Publikums begegnen.

Wir streifen durch Städte, Orte, Landschaften und sind beeindruckt: unglaublich was hier in nur 70 Jahren geschaffen wurde. Dort wo sich früher Sümpfe, Sanddünen und wüstes Land befanden, haben Pioniergeist, Innovation und Durchhaltevermögen überall blühendes Leben entstehen lassen. Israel ist das einzige Land, in dem die Wüste rückläufig ist, Millionen Bäume wurden gepflanzt und entlang der Autobahn blüht tropfenbewässerter Oleander. Aus dem armen Agrarstaat ist ein Land mit führender Technologie und einer starken Währung entstanden. Israel gehört heute zu den 10 einflussreichsten Ländern der Welt und liegt auch im Happiness Ranking vorne. (Siehe Grafik unten)

Je mehr Israelis wir persönlich kennen lernen, desto mehr schätzen wir ihre konstruktive Einstellung, ihre Dynamik und ihren Mut – trotz ihres bis heute andauernden Ringens um ihr Recht auf Existenz.

Wir hören von den Kämpfen im 6 Tage Krieg 1967, von der Befreiung der Altstadt Jerusalems und wie die Juden wieder Zugang zu ihrer heute heiligsten Stätte, der Westmauer, erlangten.

Und von dem „Tal der Tränen“, so benannt nach der anfänglich auswegslosen Situation im Jom Kippur Krieg 1973, als die syrische Armee mit über 1.000 Panzern im Norden Israels einbrach und von weniger als 200 Panzern auf israelischer Seite aufgehalten wurde.

Wir sehen den Wiederaufbau nach wiederholter Zerstörung, sei es nun die Hurva Synagoge in Jerusalem oder die Siedlungen in Gush Etzion.

 

Und wir nehmen wahr, dass selbst die häufigen Terroranschläge in dieser Gegend den Menschen weder die Lebensfreude noch den Lebensmut rauben können, auch wenn sie schmerzliche Verluste zu beklagen haben.

Wir erleben die „Wächter Israels“, die jungen Soldaten und Soldatinnen auf den Straßen, die für Sicherheit sorgen und lauschen den Zeugnissen von sogenannten „einsamen“ Soldaten, die freiwillig ihr Heimatland, Verwandte, Freunde und ein angenehmes Leben verlassen, um in der IDF (Israels Defence Forces) zu dienen. Tatsächlich spielt die IDF auch eine wichtige Rolle bei der Integration und der Schaffung eines gemeinsamen Nenners in der israelischen Gesellschaft.

Denn die Bevölkerungsvielfalt ist erstaunlich. Die Holocaust Überlebenden von überall aus Europa, die ca. 700.000 Juden, die nach Israels Gründung aus den umliegenden arabischen Ländern vertrieben wurden, die Einwanderung aus Afrika und die großen Aliyah-Wellen aus der ehemaligen Sowjetunion haben alle dazu beigetragen. Die Bevölkerungszahl Israels hat sich in den letzten 75 Jahren ver-14-facht (im Vergleich dazu hat sich die Weltbevölkerung in den letzten 50 Jahren „nur“verdoppelt).

Am liebsten hören wir jedoch die Geschichten von jenen, die freiwillig nach Israel kamen, weil sie es als ihre Aufgaben betrachten, dieses Land aufzubauen und sich mit großer Energie dafür einsetzen.

Was uns aber am allermeisten beeindruckt – und tatsächlich auch überrascht hat - ist die intensive, innige und lebendige Beziehung, die viele Juden zu Gott haben. Da uns in den säkularen, kirchlichen und freikirchlichen Kreisen, aus denen wir stammen, die Rolle und Bedeutung von Israel und dem Judentum nicht vermittelt worden war, weder als geistliche Wurzel noch für die Zukunft, waren wir implizit davon ausgegangen, dass so eine Beziehung zu Gott nur bei Christen möglich sei. Jetzt sahen wir mit eigenen Augen wie falsch diese Annahme war.

Heute weiss ich, dank dem erschütterndem Buch „Holocaust“ von Susanna Kokkonen, dass der christliche Glaube bewusst vom Judentum differenziert wurde, seit Kaiser Konstantin der Große die Anerkennung des Christentums als rechtmässige Religion einführte, sich aus politischen Gründen zum Oberhaupt der Kirche ernannte und das erste Konzil im Jahre 325 einberief. Er erklärte, dass die Juden für den Tod Jesu verantwortlich wären, also betrachtete man sie als „Gottesmöder“; verdammt und der Gnade Gottes und der Menschen unwürdig. Eine weitere Lehre dieser Zeit, die „Ersatztheologie“ besagt, dass Israel seine Rolle in Gottes Plänen verspielt hätte und die Christen nun das neue Israel seien. Die Kirchenväter vor und nach diesem ersten Konzil verleugneten den ewigen Bund zwischen Gott und den Juden systematisch, beziehungsweise glaubten, dass Gott diesen Bund aufgehoben hätte.

Der Einfluss dieser Lehren die seit über 1700 Jahren im Umlauf sind, ist erschreckend tiefgreifend. Im Grunde wurde hier schon die Legitimation für Judenhass und Judenverfolgung geschaffen, für Verleugnung und Ignoranz. Hier liegt der idelogische Ursprung von Inquisition, Progromen, Kreuzzügen und Holocaust.

Eine Konsequenz daraus war, das einerseits bei Übersetzungen versucht wurde, die Hinweise auf das Judentum auszulassen und andererseits bei vielen christlichen Themen der jüdische Ursprung nicht erwähnt wurde. Beispiele dafür sind christliche Feste, die alle ihr Äquivalent in den jüdischen biblischen Festen haben (z.B. Passah-Ostern, Schavuot-Pfingsten, Weihnachten-Chanukka) oder auch andere Bräuche: so zum Beispiel ist die jüdische Bar Mitzwa, bei der junge Erwachsene in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen werden, das Vorbild für Kommunion/Konfirmation/Jugendweihe - um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Das gleiche spiegelt sich auch in der Kunst. Wer z. B. durch die Uffizien von Florenz streift, (eines der berühmtesten Kunstmuseen der Welt mit Werken der Malerie und Bildhauerei von der Antike bis zum Spätbarock), stellt fest, dass es aus dem Alten Testament Bilder von Adam und Eva gibt. Das nächste große Thema ist die Ankündigung von Jesu Geburt. Alles was dazwischen liegt, ist ausgeblendet.

So sind sich viele bis heute des jüdischen Erbes nicht bewusst. Derek Prince, ein Bibellehrer unserer Zeit (und die, die mich schon lange kennen, wissen, dass ich jahrelang für Derek Prince Ministries gearbeitet habe), fasste es einmal so zusammen: Wir stehen tief in der Schuld des jüdischen Volkes.
Ohne dieses hätte die Gemeinde keine Patriarchen, keine Propheten, keine Apostel , keine Bibel und keinen Erlöser. Wenn uns all das fehlen würde, was gäbe es dann noch, was uns das Heil bringen könnte? Alle Nationen der Erde verdanken das Wertvollste an ihrem geistlichen Erbe den Juden.

Aber obwohl wir Derek Prince persönlich begegnet waren und viel von unserem Israel-Bild von seinen Worten geprägt war, mussten wir feststellen, dass auch wir Gefangene des Denkens der Kirchenväter waren. Auch wir hatten gedacht, dass die Juden verloren sein mussten, da man ja nur durch Jesus zum Vater kommen könne und übersahen dabei geflissentlich, dass Paulus in Römer 11 eindeutig sagt, dass Gott sein Volk nicht verstossen hat (Vers 1), dass er seine Gaben nicht zurück fordert und die Zusage seiner Erwählung nicht widerruft (Vers 29).

Und jetzt waren wir in Jerusalem und begegneten dem jüdischen Volk Israel erstmalig in seinem eigenen Land.

Was für uns ganz eindeutig wurde, war, dass die Gründung und das Überleben dieses Staates, seine schnellen Fortschritte und Errungenschaften, der Lebensmut und die Kraft, die man in so vielen Menschen in Israel beobachten kann, rational und menschlich nicht zu erklären sind, sondern auf eine besondere Energiequelle und Kraft zurück führen. Hier in Israel war Gott überall im Alltag erlebbar.

Seit über 2000 Jahren spricht die Bibel von einem lebendigen Gott, der Israel als sein Volk auserwählte und der verhieß, dies Volk nach seiner Zerstreuung wieder in das Land seiner Vorfahren zurück zu bringen und es besonders auszustatten. Dies jedoch auf einmal mit unseren eigenen Sinnen zu sehen, zu beobachten, veränderte uns.

Als wir am Ufer vom See Genezareth sassen, kam mir der Gedanke, dass Juden vorgeworfen wurde, Jesus nicht erkannt zu haben – obwohl doch das, was um ihn herum geschah, offensichtlich und eindeutig war … Und dass heute viele Christen das, was Gott in und mit Israel tut, nicht erkennen – obwohl es ebenso offensichtlich und eindeutig ist.

Wir begannen die Bibel mit anderen Augen zu lesen. Was wir bis dahin überlesen hatten, stach jetzt deutlich hervor.

Wenn man sich vergegenwärtig, dass Jesus in Matthäus 5,17 selber gesagt hat „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“, dann kann man die Bedeutung von Israel und Jerusalem schwer überlesen.

Denn auf dem Berge Zion und zu Jerusalem wird Errettung sein – steht in Joel 3,5

Und Sacharjia weissagt in Kapitel 8, 22: Menschen aus großen und mächtigen Völkern werden nach Jerusalem kommen, um den HERRN, den Allmächtigen, zu suchen und den HERRN gnädig zu stimmen.

Jesaja prophezeit in Kapitel 60, 2-3: Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir (Zion) geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.

Wir haben in Israel mit eigenen Augen wahrgenommen, wie Gott zu seinem Volk steht. Wir haben anhand von Fakten und Tatsachen gesehen, wie die Aussagen der Bibel Realität werden und wir haben überall im heutigen Israel Gottes in Erfüllung gehende Verheißungen erlebt.

 

Die Bibel spricht in Sacharja 8,23 davon, dass „in jenen Tagen zehn Menschen aus Völkern mit lauter verschiedenen Sprachen einen Mann aus Juda am Rockzipfel festhalten werden und bitten: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott bei euch ist“ - für uns sind diese Tage bereits angebrochen…die Beziehungen zu unseren jüdischen Freunden und die Verbindung zu Israel sind zu einer der wertvollsten Konstanten, einer Bereicherung und einer Quelle des Lernens in  unserem Leben geworden.

Davidstern grün
ELAL

„Bruchim haba'im le’Israel - Willkommen in Israel” klang die Stimme des Piloten aus den Lautsprechern und das Flugzeug rollte langsam zur finalen Position. Wir sahen neugierig aus dem Fenster. Was würden wir in diesem Land, über das so viel Widersprüchliches berichtet wird und dass es vor 100 Jahren noch nicht gab, vorfinden? Ich wusste damals nicht, vor welcher lebensverändernden Erfahrung ich stand!

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