top of page

Vergebung - am Rande der Ewigkeit

von Brigitte B. Nussbächer

5 x Davidstern

YOM KIPPUR


Über Verfehlungen nachdenken und um Vergebung bitten ist der Fokus für die Zeit zwischen dem Jüdischen Neujahrsfest Rosch HaSchanah bis zum Versöhnungstag Jom Kippur.
Während dieser Tage versuchen Juden mit allen Menschen Frieden zu schließen, indem sie anderen vergeben und auch selbst um Verzeihung bitten

DER PREIS DER VERGEBUNG


In meiner Jugend wusste ich nichts von Yom Kippur.
Als Kind hatte ich gelernt, dass man um Verzeihung bat, wenn man einen Fehler begangen hatte, bzw. eine Schuld entstanden war. Ich assoziierte damit primär das Eingeständnis des eigenen Missverhaltens und die Reue darüber. Es gehörte zum zwischenmenschlichen Umgang, war eine Frage guten Benehmens und sozialer Kompetenz.


Später lernte ich dann, dass Vergebung auch mit Gott zu tun hat. Gott, vor dem sich unsere Schuld sammelte, eine ganz andere Dimension: „der Sünde Sold ist der Tod“ – der Tod des Schuldigen. Das war hart – und hoffnungslos.
Dann hörte ich, dass Gott seine Menschenkinder so liebte, dass er selbst für ihre Schuld bezahlt hatte. Damit ist der ganze Inhalt von Vergebung umrissen: dass Schuld niemals einfach vergeht oder verjährt, sondern immer eine Sühne fordert. Dass Gnade nichts Anderes bedeutet, als dass ein anderer die Schuld begleicht.


Alternativ verstand ich, dass Vergeltung der Versuch ist, dem Anderen diese Sühne mit Gewalt aufzuzwingen oder abzuringen; ich erfasste das Perpetuum, das damit ausgelöst wird, sowie die Ausweglosigkeit des Teufelskreises, der dadurch entsteht, dass Sühne immer weiter Sühne fordert.
Und langsam fing ich an zu begreifen, dass Vergebung von dem Vergebenden verlangte, genau darauf  zu verzichten, sein Recht auf Vergeltung abzugeben bzw. das Defizit, die Schuld selber zu begleichen.
Was manchmal schwer fiel, sehr schwer. Vor allem, wenn man eigentlich nicht vergeben wollte, weil das, was der andere getan hatte, so schwerwiegend und so schmerzlich war. Und weil man vielleicht auch davon ausging, dass er es wieder und wieder tun würde.

Wenn die Sonne untergeht, Yom Kippur beginnt und die ersten Sterne zu funkeln beginnen, legt sich eine heilige Stille über das Land. Weiß gekleidete Israelis machen sich auf den Weg zur Synagoge oder Kotel. Jüdische Gebete, Sühnelieder ergreifen die Seele. Zum Abschluss und Ausklang diesen Tages erklingt das Schofar.

Es ist der Ruf nach Vergebung für die Sünden unserer Generation. Denn: Wer einem Menschen vergibt, dass dieser ihn verletzt hat, ist von der damit verbundenen Last befreit – und der Vergebung durch Gott geht das gegenseitige Verzeihen voraus.

Welcher Segen durch Vergebung frei gesetzt werden kann, erfuhr ich während der drei letzten Tage meines Vaters – am Rande der Ewigkeit.

So war es mir mit dir ergangen. Du hattest mich zu oft und zu tief verletzt.
Du warst zwar mein Vater – aber wir hatten ein Leben lang wie zwei Parallelen gelebt, die sich nicht berühren: in Sichtweite, aber niemals gemeinsam.
Du gingst deinen Weg, unbeirrt. Du hattest dir zum Ziel gesetzt, den Siebenbürgern*, einem Volk, das aufhört, zu sein, ein historisches Denkmal zu setzen. Dafür investiertest du jede freie Minute und nichts Anderes schien dir wichtig. Du lebtest in deiner Welt und ich fand keinen Zugang.

Gernot Nussbächer

Egal womit uns das Leben konfrontierte: die politische Ausgrenzung durch den rumänischen Geheimdienst Securitate oder die schwere Krankheit, wegen der meine Mutter fortgebracht wurde: wir beide haben diese Last nicht zusammen getragen, sondern jeder für sich. Ich kannte tausende äußerliche Details deines Alltags - aber wir sprachen nie darüber, was der andere dachte oder fühlte.

Als du anfingst, internationale Ehrungen für dein historisches Lebenswerk zu erhalten, freute ich mich, zu sehen, dass du deinem Ziel sehr nahegekommen warst: Es war dir gelungen, etwas Überdauerndes für die Zukunft zu schaffen.

Goldenes Ehrenzeichen

DIE NACHRICHT


Eines Tages hörten wir, dass du krank seist und nur noch wenige Wochen zu leben hattest. Nicht von dir, sondern über andere. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es mich berühren würde. Ich hatte erwartet, dass es für mich eher eine Befreiung sein würde, weil dieser bittere Teil meines Lebens wegfallen würde und die Wunden langsam heilen würden. Ich hoffte, endlich die Türe hinter diesem schmerzlichen Kapitel meines Lebens schliessen zu können.


Doch als diese Nachricht kam, umgab mich auf einmal ein Imperativ mit unglaublicher Klarheit: Dass ich mich auf den langen Weg zu dir machen würde – und dass ich dir verzeihen musste: Alles und voraussetzungslos.
Ich verband keine Hoffnung damit – ich wusste nur, dass es keine Alternative gab. In den wenigen Tagen bis zu meiner Reise nach Siebenbürgen/Rumänien versuchte ich mich innerlich vorzubereiten: Zu sagen, dass ich dir vergebe und dies auch zu fühlen und dahinter zu stehen. Aber der Schmerz und der Zorn im meinem Inneren blieben.

ICH VERZEIHE DIR


Dann stand ich vor deinem Bett und du lagst vor mir, so erschütternd abgemagert und klein, dass es wirkte, als wären nur noch ein paar Reste von dir da. Trotzdem war ich nicht zu spät gekommen. Aber obwohl du mental völlig klar warst, herrschte zwischen uns Schweigen und eine Unbeholfenheit, die in 48 Jahren gewachsen war: es stand zu viel zwischen uns.

Aber ich versuchte dir zu zeigen, dass ich da war, dass ich für dich da war und schliesslich sprach ich es aus: Ich sagte dir, dass ich dich mein Leben lang vermisst hatte und wie sehr es mich verletzt hatte, von dir vergessen zu werden, aber dass ich dir alles vergebe: Freiwillig und bedingungslos. Und danach bat ich dich um Verzeihung.

Hände

Wir brachen nicht in Tränen aus, wir umarmten einander auch nicht, aber wir hatten einander auf der Schwelle des Todes getroffen und wir hatten die Dinge bereinigt. Schliesslich verabschiedete ich mich von dir – unsicher, ob du die Nacht überleben würdest.

DER SEGEN DER VERGEBUNG


Und dann begann das Wunder:  In den 3 Tagen danach setzte - zunächst unmerklich - eine völlige Veränderung ein. Du mobilisiertest ungeahnte Energiereserven und wolltest mich nicht weglassen. Wir, die wir nie kommuniziert hatten, sprachen auf einmal stundenlang. Die Zeit verging wie im Flug. Du machtest Witzchen, lachtest, sangst sogar. Ich erfuhr in diesen Stunden mehr von dir und über dich als je zuvor. Aber du hörtest mir auch zu und versuchtest mir kleine Freuden zu bereiten.Wir waren uns so nahe wie nie zuvor.


Lag es daran, dass meine Vergebung die Mauer niedergerissen hatte, die uns jahrzehntelang getrennt hatte? Hatte es uns beide frei gesetzt, aufeinander zuzugehen und einzugehen? War dadurch Liebe möglich geworden?
War es möglich, durch Vergebung zu innerer Freiheit zu gelangen? Frei von Ballast und frei für neue Dimensionen? Wenn ja, dann rang Vergebung dem Vergebenden nicht nur etwas ab, sondern gab ihm auch selber etwas. Konnte es sein, dass Vergebung nicht nur einen hohen Preis forderte, sondern auch einen hohen Gewinn brachte?

Wir wussten es wohl beide, dass diese wenigen Tage alles waren, was wir je zusammen hatten und haben würden und sie verannen unwiederbringlich. Wir konnten die Zeit nicht festhalten oder verlängern, wir konnten sie nur nutzen, sie so schön wie möglich für einander gestalten und mit jeder Pore in uns aufnehmen.

Du hattest dich entschieden, mir ein Abschiedsgeschenk zu machen und du riskiertest dafür das Wohlwollen des Menschen, den du als deinen Generalerben bestimmt hattest. Denn da du ihm bereits alles von dir gegeben hattest, konntest du mir nichts mehr schenken, ohne ihm etwas wegzunehmen. Aber dann tatest Du genau das. Du hattest entschieden, aktiv zu werden und dich für mich einzusetzen in einer Art, wie du es nie zuvor getan hattest. Es war, als würde sich auf einmal eine Lücke schliessen, die immer geklafft hatte und das Wort „Vater! Mein Vater!“ war für mich erstmalig mit Bedeutung erfüllt.

Aber schon brach der letzte Tag an. Es waren Stunden wie Diamanten, voll ungeweinter Tränen, unter ungeheurem Druck - aber auch von unfassbarer Schönheit und Klarheit.
Plötzlich sagtest du mir, dass du jahrelang geglaubt hattest, ich sei nicht deine Tochter. Heute stand mir die Ähnlichkeit zu dir zwar ins Gesicht geschrieben, aber als Kind war das nicht unbedingt so. Und dass meine Mutter alles getan hatte, um mich von dir fernzuhalten. Es war ihr nur zu gut gelungen.


Aber du erzähltest auch, wie du und meine Mutter euch auf wunderbare Weise in den letzten Jahren und in den letzten Monaten ihres Lebens nahe gekommen wart. Du hattest ihre letzte Zeit in einem Tagebuch festgehalten und batest mich, dir daraus vorzulesen. Es war ein seltsamer Moment: als ob durch mein Vorlesen die Jahre zurück gedreht wären und ich diese letzte Zeit von ihr - mit euch - erleben würde. In Gedanken standen du und ich, Hand in Hand, am Grab meiner Mutter und verabschiedeten uns von ihr. Aber es fühlte sich nicht an wie Abschied, es fühlte sich an, als hätten wir uns auf der Schwelle zur Ewigkeit getroffen. Als ich aufhörte zu lesen, meintest du mit tränenüberströmten Gesicht, aber lächelnd: das war unser Finale Con Brio.

Ich bat dich um deinen Segen. Wir hatten jahrelang zum gleichen Gott gebetet, aber niemals gemeinsam. Die Kluft, die uns trennte hatte alle Bereiche durchzogen. Aber jetzt segnetest du mich und mir war als ob sich unsichtbare Hände schützend um mich legten.

Umarmung

Am 21. Juni , dem Tag der Sommersonnenwende, dem dritten Jahrestag nach dem Tod meiner Mutter, hast du schliesslich diese Erde verlassen. Du hattest keine Angst vor dem Tod. Du hattest deinen Frieden mit Gott und den Menschen gemacht und sahst voll Gelassenheit in eine andere Zukunft. Und ich stellte mir dein verschmitztes Lächeln vor, als du erkennen konntest, dass Gott deinen Wunsch,  genau an diesem Tag zu ihm zu kommen, erfüllt hatte.

FÜR IMMER


Mich zerriß ein wilder, erbarmungsloser Schmerz. Wir hatten doch gerade nur die ersten Schritte miteinander gemacht, am Kelch der Verbundenheit genippt. Das konnte doch nicht alles gewesen sein. Was würde überdauern, was und wie konnte ich bewahren? Ich wollte meinen Vater nicht wieder verlieren.
Schliesslich tröstete mich der Gedanke, dass ich die Ähnlichkeiten und das Gerüst der Eigenschaften, die er mir vererbt hatte, hinter meiner Persönlichkeit und damit ihn in mir erkannte.


Und so schrieb ich in dieser Nacht:

Grabkranz

Lieber Gernot,

nein, ich werde mich nicht von Dir verabschieden – ich werde Dich in meinen Armen festhalten, wie jemanden, den man gefunden hat und nicht wie jemanden, von dem man sich trennt.
Als ich zu Dir kam, dachte ich: von echten Parallelen sagt man, dass sie einander in der Unendlichkeit berühren, weil der Raum ein anderer wird und es einen Perspektivwechsel gibt. Und so hatte ich nur die Hoffnung auf die Ewigkeit ...
ABER wir haben einander erreicht und berührt – jetzt! hier! – nicht erst in der Ewigkeit.

Nein, ich werde mich nicht von Dir verabschieden! Ich werde Deinen Segen, den Du mir beim Abschied gabst, immer bewahren – und einen Teil von Dir. Denn was auch mit Deinem irdischen Erbe geschieht, ich, als Dein einziges Kind, trage in meinen Genen Dein anderes, unvergängliches Erbe und so wirst Du ein Teil von mir sein und ich werde Dich behalten – für immer!
Brigitte

DER RING

In der Zeit danach wuchs in mir der Wunsch, etwas Reales, Konkretes von meinem Vater in meinem Leben zu haben, etwas, das mich begleitete. Ich hatte zwar das „Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich" für seine "Verdienste als Historiker, Schriftsteller und Archivar“ welches ihm vom Bundespräsidenten Östereichs verliehen worden war, aber das war mir zu unpersönlich. Es war nichts, was ich wie einen Teil von mir empfinden konnte.

Zwei Monate später stieß ich bei Israel Today auf einen Goldring - aus Israel - mit hebräischer Inschrift, die lautete: „Ich fand den, den meine Seele suchte“. In dem Augenblick als ich ihn sah, wusste ich: das ist es!

Der Ring

Seither begleitet dieser Ring mich …
als Erinnerung an das Wunder, welches durch Vergebung möglich wurde:
dass ich für drei wunderbare Tage einen Vater hatte!

Eine wahre Geschichte von Vater und Tochter: unabhängig wie lange eine Beziehung zerstört ist und verloren erscheint, gibt es trotzdem immer – solange ein Mensch lebt – die Möglichkeit von Vergebung und Zueinanderfinden.

Vergebnde Hände
Schofar

*[Die Siebenbürger sind eine deutsche Minderheit im heutigen Transsilvanien/Rumänien, welches bis 1918 zu der K.u.K. Monarchie Österreich-Ungarn gehörte und danach Rumänien zugesprochen wurde. Die Siebenbürger wanderten im 12. Jahrhundert auf Einladung des ungarischen Königs Geisa II.ein, um das Land zu erschliessen und gegen Invasionen zu verteidigen. Sie waren sehr erfolgreich und prägten die Region wirtschaftlich und kulturell bis zur Machtübernahme der Kommunisten 1944. Nach der blutigen Revolution von 1989, bei der das kommunistische Ceausescu-Regime gestürzt wurde, wanderten über 90% der deutschen Minderheit nach Deutschland und Österreich aus.]

Du schienst mich vergessen zu haben: du verschenktest unser Familienhaus und setztest einen Fremden als Generalerben ein: Sowohl für deine wissenschaftlichen Arbeiten als auch für dein gesamtes materielles und finanzielles Vermögen. Dein Testament mit dem du mich enterbtest, war das Finale Forte der Botschaft, die ich mein Leben lang von dir gehört hatte: Dass ich dir nichts bedeutete.

Du wirktest überrascht, du wirktest betroffen. Dann meintest du wie nebenbei, dass du mich ein Leben lang sträflich vernachlässigt hättest und dass ich lange nicht so viel Negatives in deinem Leben bewirkt hätte, wie du in meinem.

Sanduhr

Wenn ich schon mein Leben lang auf dich verzichten musste, so war doch etwas Wertvolles im Gegenzug entstanden, das ich achten und schätzen konnte.
Aber die Leere zwischen uns konnte auch das nicht füllen… 48 Jahre lang. Inzwischen trennten uns tausende Kilometer und Grenzen.

Und dann umarmtest du mich. In 48 Jahren hatten wir das niemals getan. Es war das erste und das letzte Mal zugleich. Völlig fremd, aber wunderschön. Wir waren – ganz am Ende – bei einander angekommen. Ich hatte für 3 Tage meinen Vater erlebt und das fand in dieser sehr bewussten Geste Ausdruck!

Ein Ring aus diesem Land, das mir nahesteht wie kein anderes. Aus Gold, dem Symbol der Beständigkeit, mit einem eingestanzten Text, der für mich unser Zusammentreffen ausdrückte:  endlich hatte ich ihn, meinen Vater, den meine Seele immer gesucht hatte, gefunden.
Ich beschloss den Ring mit dem Abschiedsgeschenk meines Vaters zu bezahlen: damit wurde er zu einem postumen Geschenk von ihm, ein Zeichen der Verbundenheit über den Tod hinaus!

STUNDEN WIE DIAMANTEN

MEIN VATER

Erstveröffentlichung: 22. September 2023 (Yom Kippur)

Deutsch:  Israel Heute   CSI

Englisch:  Israel Today

Copyright ©  Brigitte B. Nussbächer; Abdruck nur nach vorheriger Genehmigung

Hier finden Sie andere Artikel von Brigitte B. Nussbächer

Wie wir das Wunder Israel erlebt haben

von Brigitte B. Nussbächer

Wir haben in Israel mit eigenen Augen wahrgenommen, wie Gott zu seinem Volk steht. Wir haben anhand von Fakten und Tatsachen gesehen, wie die Aussagen der Bibel Realität werden und wir haben überall im heutigen Israel Gottes in Erfüllung gehende Verheißungen erlebt.​

Vorausgegangen war eine eher mühsame Entscheidungsfindung. Israel einmal zu besuchen gehörte zur „Allgemeinbildung“ von Christen. Trotzdem hatte es mich nicht hingezogen und die Berichte derer, die von Reisen aus Israel zurück kehrten, hatten wenig dazu beigetragen, es zu ändern. Wenn sie von den sogenannten „Heiligen“ Stätten berichteten, fragte ich mich immer, was es mir denn bringen würde, diese Ruinen oder Gedenkkirchen anzusehen. Viel mehr interessierte mich, was Gott heute in der Gegenwart erlebbar machte.

Letztlich war es dann tatsächlich auch ein anderer Gedanke, der den Anstoß zu dem Besuch gab. 2018 feierten mehrere nach dem 2. Weltkrieg gegründete Staaten ihr 70. Jubiläum – darunter auch Israel. Nachdem wir Dokumentarfilme über Indien und Pakistan zu dem Thema gesehen hatten, fragte ich mich, wie wohl Israel diese 70 Jahre genutzt hatte. Im Vergleich zu den anderen Staaten musste es ungleich schwerer gewesen sein, aus dem Nichts etwas aufzubauen.  Noch 1867 hatte Marc Twain das Land als desolat, eine stille, traurige Weite ohne Mensch, Baum und Strauch bezeichnet. Was war daraus geworden?

Und so begaben wir uns auf eine geschichtliche Studienreise, was sich im Nachhinein als Volltreffer erwies. Nie hätten wir in einem Individualurlaub so viel erfahren und kennen gelernt.

Noch während wir vom Flughafen Ben Gurion nach Tel Aviv fahren, hören wir die Entstehungsgechichte dieser Stadt, von der Parzellverlosung an ein paar Dutzend Familien nördlich der jahrtausende alten Hafenstadt Jaffa im April 1909. Diese wollten auf den Sanddünen, die der niederländische Bankier Jacobus Kann gekauft hatte, die erste jüdische Stadt der Moderne bauen. Und dann fahren wir auch schon an den ersten Hochhäusern vorbei und nach Tel Aviv hinein, welches heute (rund 100 Jahre später) die modernste und weltoffenste Metropole des gesamten Nahen Ostens ist.


Im sehr originell und lebendig gestalteten Palmach Museum in Tel Aviv erfahren wir von dem beeindruckenden Kampf des jüdischen Volkes für seine Unabhängigkeit. Und von der Vorgeschichte: als die UN 1947 beschloss, das ehemalige britische Mandat in 2 Länder aufzuteilen: ein jüdisches und einen arabisches. Von dem Protest der Araber und von dem Druck, der auf die Juden ausgeübt wurde, diese Chance nicht zu nutzen. Von der Proklamation des jüdischen Staates durch David Ben Gurion am 14. Mai 1948 und von dem Angriff der 5 arabischen Länder Ägypten, Syrien, Jordanien, Irak & Libanon um Mitternacht am gleichen Tag.

Man muss sich die damalige Situation vergegenwärtigen. Ca. 650.000 Juden, viele von ihnen Holocaustüberlebende, die gerade erst das Grauen hinter sich gelassen hatten, versuchten Israel, welches als neugegründeter Staat keine Armee besaß, mit Gewehren, Maschinenpistolen und Granatwerfern gegen eine Mehrheit von 160 Millionen Arabern (ausgerüstet mit Panzern, Artillerie, Schützenpanzerwagen, Flugzeugen und Kriegsschiffen) zu verteidigen. Ein Verhältnis von 1 : 246!  Dabei wird einem die menschliche Ausweglosigkeit bewusst und dass das Überleben Israels ein Wunder ist.  Mit Tränen in den Augen verlasse ich das Museum. Jetzt verstehen wir, welch hohen Preis das jüdische Volk (nach der Auslöschung der 6 Millionen durch den Holocaust)  im Unabhängigkeitskrieg für seine Existenz bezahlt hat.

Umso mehr staunen wir über die Lebensfreude und Energie, die heute auf den Strassen Tel Avivs spürbar ist und die wir bei den Menschen, denen wir begegnen, erleben. Wir sehen die Fähigkeit dieses Volkes schnell aus dem Nichts etwas aufzubauen (sie haben weltweit die 2 höchste Anzahl von Start Ups), ihre Genialität Lösungen für scheinbar Unlösbares zu finden, wie zum Beispiel mit Wasserentsalzungsanlagen am Mittelmeer den Wassermangel zu beheben und durch computergesteuerte Tröpfchenbewässerung Plantagen in der Wüste anzubauen. Wir sind überrascht, dass Israel die zweithöchste Akademikerquote und die dritthöchste Patentquote der Welt hat und bewundern, dass 23% aller Nobelpreisträger aus diesem kleinen Volk, dass nur 0,2 % der Weltbevölkerung ausmacht, stammen.

Wir erleben ihre Kreativität sowie ihren Sinn für Kunst und Schönheit. Israel hat gemessen an der Anzahl der Einwohner die meisten Museen und Orchester per capita und liegt auf Platz 2, was die Anzahl der verlegten Bücher anbelangt. Wer hier ein Konzert besucht, wird einem sehr hohen künstlerischen Niveau und großer Begeisterung des Publikums begegnen.

Wir streifen durch Städte, Orte, Landschaften und sind beeindruckt: unglaublich was hier in nur 70 Jahren geschaffen wurde. Dort wo sich früher Sümpfe, Sanddünen und wüstes Land befanden, haben Pioniergeist, Innovation und Durchhaltevermögen überall blühendes Leben entstehen lassen. Israel ist das einzige Land, in dem die Wüste rückläufig ist, Millionen Bäume wurden gepflanzt und entlang der Autobahn blüht tropfenbewässerter Oleander. Aus dem armen Agrarstaat ist ein Land mit führender Technologie und einer starken Währung entstanden. Israel gehört heute zu den 10 einflussreichsten Ländern der Welt und liegt auch im Happiness Ranking vorne. (Siehe Grafik unten)

Je mehr Israelis wir persönlich kennen lernen, desto mehr schätzen wir ihre konstruktive Einstellung, ihre Dynamik und ihren Mut – trotz ihres bis heute andauernden Ringens um ihr Recht auf Existenz.

Wir hören von den Kämpfen im 6 Tage Krieg 1967, von der Befreiung der Altstadt Jerusalems und wie die Juden wieder Zugang zu ihrer heute heiligsten Stätte, der Westmauer, erlangten.

Und von dem „Tal der Tränen“, so benannt nach der anfänglich auswegslosen Situation im Jom Kippur Krieg 1973, als die syrische Armee mit über 1.000 Panzern im Norden Israels einbrach und von weniger als 200 Panzern auf israelischer Seite aufgehalten wurde.

Wir sehen den Wiederaufbau nach wiederholter Zerstörung, sei es nun die Hurva Synagoge in Jerusalem oder die Siedlungen in Gush Etzion.

 

Und wir nehmen wahr, dass selbst die häufigen Terroranschläge in dieser Gegend den Menschen weder die Lebensfreude noch den Lebensmut rauben können, auch wenn sie schmerzliche Verluste zu beklagen haben.

Wir erleben die „Wächter Israels“, die jungen Soldaten und Soldatinnen auf den Straßen, die für Sicherheit sorgen und lauschen den Zeugnissen von sogenannten „einsamen“ Soldaten, die freiwillig ihr Heimatland, Verwandte, Freunde und ein angenehmes Leben verlassen, um in der IDF (Israels Defence Forces) zu dienen. Tatsächlich spielt die IDF auch eine wichtige Rolle bei der Integration und der Schaffung eines gemeinsamen Nenners in der israelischen Gesellschaft.

Denn die Bevölkerungsvielfalt ist erstaunlich. Die Holocaust Überlebenden von überall aus Europa, die ca. 700.000 Juden, die nach Israels Gründung aus den umliegenden arabischen Ländern vertrieben wurden, die Einwanderung aus Afrika und die großen Aliyah-Wellen aus der ehemaligen Sowjetunion haben alle dazu beigetragen. Die Bevölkerungszahl Israels hat sich in den letzten 75 Jahren ver-14-facht (im Vergleich dazu hat sich die Weltbevölkerung in den letzten 50 Jahren „nur“verdoppelt).

Am liebsten hören wir jedoch die Geschichten von jenen, die freiwillig nach Israel kamen, weil sie es als ihre Aufgaben betrachten, dieses Land aufzubauen und sich mit großer Energie dafür einsetzen.

Was uns aber am allermeisten beeindruckt – und tatsächlich auch überrascht hat - ist die intensive, innige und lebendige Beziehung, die viele Juden zu Gott haben. Da uns in den säkularen, kirchlichen und freikirchlichen Kreisen, aus denen wir stammen, die Rolle und Bedeutung von Israel und dem Judentum nicht vermittelt worden war, weder als geistliche Wurzel noch für die Zukunft, waren wir implizit davon ausgegangen, dass so eine Beziehung zu Gott nur bei Christen möglich sei. Jetzt sahen wir mit eigenen Augen wie falsch diese Annahme war.

Heute weiss ich, dank dem erschütterndem Buch „Holocaust“ von Susanna Kokkonen, dass der christliche Glaube bewusst vom Judentum differenziert wurde, seit Kaiser Konstantin der Große die Anerkennung des Christentums als rechtmässige Religion einführte, sich aus politischen Gründen zum Oberhaupt der Kirche ernannte und das erste Konzil im Jahre 325 einberief. Er erklärte, dass die Juden für den Tod Jesu verantwortlich wären, also betrachtete man sie als „Gottesmöder“; verdammt und der Gnade Gottes und der Menschen unwürdig. Eine weitere Lehre dieser Zeit, die „Ersatztheologie“ besagt, dass Israel seine Rolle in Gottes Plänen verspielt hätte und die Christen nun das neue Israel seien. Die Kirchenväter vor und nach diesem ersten Konzil verleugneten den ewigen Bund zwischen Gott und den Juden systematisch, beziehungsweise glaubten, dass Gott diesen Bund aufgehoben hätte.

Der Einfluss dieser Lehren die seit über 1700 Jahren im Umlauf sind, ist erschreckend tiefgreifend. Im Grunde wurde hier schon die Legitimation für Judenhass und Judenverfolgung geschaffen, für Verleugnung und Ignoranz. Hier liegt der idelogische Ursprung von Inquisition, Progromen, Kreuzzügen und Holocaust.

Eine Konsequenz daraus war, das einerseits bei Übersetzungen versucht wurde, die Hinweise auf das Judentum auszulassen und andererseits bei vielen christlichen Themen der jüdische Ursprung nicht erwähnt wurde. Beispiele dafür sind christliche Feste, die alle ihr Äquivalent in den jüdischen biblischen Festen haben (z.B. Passah-Ostern, Schavuot-Pfingsten, Weihnachten-Chanukka) oder auch andere Bräuche: so zum Beispiel ist die jüdische Bar Mitzwa, bei der junge Erwachsene in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen werden, das Vorbild für Kommunion/Konfirmation/Jugendweihe - um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Das gleiche spiegelt sich auch in der Kunst. Wer z. B. durch die Uffizien von Florenz streift, (eines der berühmtesten Kunstmuseen der Welt mit Werken der Malerie und Bildhauerei von der Antike bis zum Spätbarock), stellt fest, dass es aus dem Alten Testament Bilder von Adam und Eva gibt. Das nächste große Thema ist die Ankündigung von Jesu Geburt. Alles was dazwischen liegt, ist ausgeblendet.

So sind sich viele bis heute des jüdischen Erbes nicht bewusst. Derek Prince, ein Bibellehrer unserer Zeit (und die, die mich schon lange kennen, wissen, dass ich jahrelang für Derek Prince Ministries gearbeitet habe), fasste es einmal so zusammen: Wir stehen tief in der Schuld des jüdischen Volkes.
Ohne dieses hätte die Gemeinde keine Patriarchen, keine Propheten, keine Apostel , keine Bibel und keinen Erlöser. Wenn uns all das fehlen würde, was gäbe es dann noch, was uns das Heil bringen könnte? Alle Nationen der Erde verdanken das Wertvollste an ihrem geistlichen Erbe den Juden.

Aber obwohl wir Derek Prince persönlich begegnet waren und viel von unserem Israel-Bild von seinen Worten geprägt war, mussten wir feststellen, dass auch wir Gefangene des Denkens der Kirchenväter waren. Auch wir hatten gedacht, dass die Juden verloren sein mussten, da man ja nur durch Jesus zum Vater kommen könne und übersahen dabei geflissentlich, dass Paulus in Römer 11 eindeutig sagt, dass Gott sein Volk nicht verstossen hat (Vers 1), dass er seine Gaben nicht zurück fordert und die Zusage seiner Erwählung nicht widerruft (Vers 29).

Und jetzt waren wir in Jerusalem und begegneten dem jüdischen Volk Israel erstmalig in seinem eigenen Land.

Was für uns ganz eindeutig wurde, war, dass die Gründung und das Überleben dieses Staates, seine schnellen Fortschritte und Errungenschaften, der Lebensmut und die Kraft, die man in so vielen Menschen in Israel beobachten kann, rational und menschlich nicht zu erklären sind, sondern auf eine besondere Energiequelle und Kraft zurück führen. Hier in Israel war Gott überall im Alltag erlebbar.

Seit über 2000 Jahren spricht die Bibel von einem lebendigen Gott, der Israel als sein Volk auserwählte und der verhieß, dies Volk nach seiner Zerstreuung wieder in das Land seiner Vorfahren zurück zu bringen und es besonders auszustatten. Dies jedoch auf einmal mit unseren eigenen Sinnen zu sehen, zu beobachten, veränderte uns.

Als wir am Ufer vom See Genezareth sassen, kam mir der Gedanke, dass Juden vorgeworfen wurde, Jesus nicht erkannt zu haben – obwohl doch das, was um ihn herum geschah, offensichtlich und eindeutig war … Und dass heute viele Christen das, was Gott in und mit Israel tut, nicht erkennen – obwohl es ebenso offensichtlich und eindeutig ist.

Wir begannen die Bibel mit anderen Augen zu lesen. Was wir bis dahin überlesen hatten, stach jetzt deutlich hervor.

Wenn man sich vergegenwärtig, dass Jesus in Matthäus 5,17 selber gesagt hat „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“, dann kann man die Bedeutung von Israel und Jerusalem schwer überlesen.

Denn auf dem Berge Zion und zu Jerusalem wird Errettung sein – steht in Joel 3,5

Und Sacharjia weissagt in Kapitel 8, 22: Menschen aus großen und mächtigen Völkern werden nach Jerusalem kommen, um den HERRN, den Allmächtigen, zu suchen und den HERRN gnädig zu stimmen.

Jesaja prophezeit in Kapitel 60, 2-3: Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir (Zion) geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.

Wir haben in Israel mit eigenen Augen wahrgenommen, wie Gott zu seinem Volk steht. Wir haben anhand von Fakten und Tatsachen gesehen, wie die Aussagen der Bibel Realität werden und wir haben überall im heutigen Israel Gottes in Erfüllung gehende Verheißungen erlebt.

 

Die Bibel spricht in Sacharja 8,23 davon, dass „in jenen Tagen zehn Menschen aus Völkern mit lauter verschiedenen Sprachen einen Mann aus Juda am Rockzipfel festhalten werden und bitten: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott bei euch ist“ - für uns sind diese Tage bereits angebrochen…die Beziehungen zu unseren jüdischen Freunden und die Verbindung zu Israel sind zu einer der wertvollsten Konstanten, einer Bereicherung und einer Quelle des Lernens in  unserem Leben geworden.

Davidstern grün
Flughafen Ben Gurion

„Bruchim haba'im le’Israel - Willkommen in Israel” klang die Stimme des Piloten aus den Lautsprechern und das Flugzeug rollte langsam zur finalen Position. Wir sahen neugierig aus dem Fenster. Was würden wir in diesem Land, über das so viel Widersprüchliches berichtet wird und dass es vor 100 Jahren noch nicht gab, vorfinden? Ich wusste damals nicht, vor welcher lebensverändernden Erfahrung ich stand!

bottom of page