Jom HaZikaron - Die Minute, die niemals endet.

Kim liest den Brief an ihre Söhne vor. Foto privat
Sechzig Sekunden lang steht ein ganzes Land still. Doch für die Familien der Gefallenen endet diese Minute niemals. Hinter jedem Namen steht ein Leben, eine Liebe, eine Zukunft, die jäh abgebrochen wurde. An diesem Abend in Jerusalem wird aus nationalem Gedenken eine persönliche Geschichte. Im Mittelpunkt: der bewegende Brief einer Mutter an ihre Söhne – über Verlust, Mut und die Kraft der Liebe, weiterzuleben.
20 April 2026, abends. Im Museum der Toleranz inmitten von Jerusalem füllt sich das Foyer. Die IDFWO hat zusammen mit den hinterbliebenen Familien eine Gedenkveranstaltung organisiert. 25.648 Gefallene der israelischen Sicherheitskräfte und 5.313 zivile Opfer von Terroranschlägen (davon mehr als 780 Kinder) seit der Staatsgründung werden insgesamt geehrt. Dies ist der Preis, den Israel bis heute für seine Unabhängigkeit zahlt.
Shlomi, der Geschäftsführer und David, der Direktor für internationale Beziehungen, empfangen die Ehrengäste. Auch die Familien der Gefallenen treffen ein.

Mit David Metzler, Yossi Cohen (Präsident der IDFWO und früherer Direktor des Mossad) und Shlomi Nahumson. Foto IDFWO
In wenigen Minuten (um 20:00 Uhr) wird die Sirene das erste Mal an diesem Tag aufheulen. 60 unendliche Sekunden lang. 60 blitzschnelle Sekunden lang. Ein Ton, der die Seele zerreißt und doch so schnell vergessen ist.
In diesen Sekunden wird noch einmal besonders fokussiert, was die Familien der Gefallenen jeden Tag lang begleitet: der Gedanke an die, die ihr Leben gaben, damit Israel weiter bestehen kann. An die, die gefallen sind bei der Verteidigung des einzigen jüdischen Staates, der Heimat vieler Holocaustüberlebender, des Zufluchtsortes für alle Juden, die sich in der Diaspora nicht sicher fühlen und für das Zuhause von Millionen, deren Familien seit 48 Jahren dieses Land aufbauen. Für 60 Sekunden steht ein ganzes Land, geeint im Gedenken, still.
Doch für die, die heute hier sind, dauern die 60 Sekunden an, werden zu Minuten und zu Stunden, die sich füllen mit den Lebensgeschichten der Gefallenen und der Erinnerung der Überlebenden.
Denn, nachdem der Sarg, bedeckt mit der Flagge Israels, in die Erde hinabgelassen wird, die Nachrufe und das Kaddisch gesprochen sind, die Beerdigung endet und die Tage der Schiwa vergehen, beginnt die eigentliche Last sichtbar zu werden. Die Folgen dieses Opfers und Verlustes entfalten sich über Jahre. Über Jahrzehnte. Ehefrauen müssen nun ein Leben aufbauen, das niemals dafür bestimmt war, allein gelebt zu werden. Kinder wachsen ohne den Elternteil auf, der hätte da sein sollen.
Der heutige Abend ehrt nicht nur die Gefallenen – er gibt auch Einblick in das Leben der Hinterbliebenen, dass sich so plötzlich und unwiderruflich verändert hat.

Mit Kim Alush bei der Gedenkveranstaltung. Foto privat.
Wir lernen Kim Alush kennen. Sie hat ihren Mann, Daniel, in der Nacht vom 10. auf den 11. September 2024 verloren. Sie zeigt uns Bilder, Aufnahmen, die er ihr kurz vor seinem Tod zugesendet hat: ein wunderschöner Sonnenuntergang. Und erzählt von ihm.
„Er war ein Mensch, der das Meer liebte, die Bewegung, die Wellen, das Leben und in seiner Jugend viel Zeit auf dem Surfbrett an der Küste Tel Avivs verbrachte.
Nach seiner Militärzeit unternahm er eine lange Reise und lebte und arbeitete später auch in Kanada. Er studierte Betriebswirtschaftslehre am Interdisziplinären Zentrum, nahm an einem Studentenaustausch in Portugal teil und lernte Menschen aus aller Welt und aus allen Gesellschaftsschichten kennen. Daniel scheute sich nicht, seine Komfortzone zu verlassen.
In Lissabon lernte er auch Kim kennen, die dort einen Marathon lief. Er begleitete sie die letzten Kilometer. So begann ihre Liebesgeschichte.
Beim Militär entschied er sich für den Dienst in der 669. Rettungseinheit, einer Einheit, die in den schwierigsten Situationen zum Einsatz kommt, wenn es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt.
„Fast zwanzig Jahre lang diente er dort als Kämpfer, Kommandant und Retter. Er bildete andere Kämpfern aus und rettete Dutzende Menschen. Seine Vorgesetzten und Kameraden sagten über ihn, er sei einer jener Menschen gewesen, die sich nicht nur in die Einheit einfügten, sondern sie auch nach ihrem Vorbild prägten. Professionell, integer, bescheiden, demütig und mit einem Lächeln, das ihn selbst in den schwierigsten Momenten nie verließ.
In der Nacht vom 10. auf den 11. September 2024 startete er in einem Owl-Hubschrauber zu einem Rettungseinsatz im Raum Philadelphia-Rafah in Gaza. Das Ziel war klar: einen verwundeten Soldaten zu retten. Es war das, was Daniel sein Leben lang immer wieder getan hatte: zur Stelle zu sein, wenn man ihn brauchte, zu retten, wo immer es möglich war, und niemanden zurückzulassen.
Der Hubschrauber ist abgestürzt und Daniel kam nicht mehr wieder.
Zurück geblieben sind seine Eltern, Kim, die Liebe seines Lebens und seine beiden Jungs: Tommy, der bereits weiß, wer sein Vater war. Niko, der später einmal nach ihm fragen wird.“
Für diese beiden Jungs hat Kim einen Brief geschrieben, den sie heute Abend vorliest. Sie ist ganz in weiß gekleidet, die Trauerfarbe der Israelis und wirkt unendlich zart, zerbrechlich. In ihren Augen ist ein Schmerz, der auch beim Lächeln bleibt. Und doch leuchten diese Augen, während sie von Daniel erzählt und uns Bilder von ihm und ihren beiden Jungs zeigt.

Kim liest den Brief an ihre Jungs vor. Foto privat.
Als sie auf der dunklen Bühne sitzt, eine schmale Gestalt vor einer Lampe inmitten einem Meer von Dunkelheit, spürt man die Bürde, die auf ihren Schultern liegt. Und sie nimmt uns mit hinein in ihre Gedanken.
Ein Brief an meine Jungs
Jungs, wir gehen gerade durch etwas, das Worte nicht heilen können. Niemand wird es euch wirklich sagen: aber ihr verliert Papa nicht nur einmal. Ihr verliert ihn immer und immer wieder. Tausendmal, auf tausend verschiedene Arten. Jeden Tag. Manchmal sogar mehrmals am Tag. Es ist ein fortlaufender Kreislauf, den ihr mit jeder Erinnerung an seine Abwesenheit durchleben müsst.
Mit jedem Moment, der vergeht, entfernt ihr euch von ihm – und kommt ihm gleichzeitig näher.
Und es braucht viel Mut, nach vorne zu schauen, wenn man sich nichts sehnlicher wünscht, als einfach zum Gestern zurückzukehren.
Es wird einsam, und man fühlt sich nie wirklich in Ordnung. Aber das ist die Realität von Verlust. Man kann ihn nicht reparieren, nur tragen. Heilung bedeutet nicht, sich gut zu fühlen. Sie bedeutet, alles zu fühlen – und sich der Wahrheit zu stellen.
Ihr dürft nicht stehen bleiben, Jungs. Es wird nicht schön sein, aber es muss echt sein. Es wird chaotisch sein, still, einsam, betäubend. An manchen Tagen werdet ihr weinen, ohne zu wissen warum. An anderen Tagen werdet ihr gar nichts fühlen.
Man sagt, Trauer ist in ihrer einfachsten Form nur Liebe, die keinen Ort mehr hat, an den sie gehen kann. Es geht nicht darum, darüber hinwegzukommen, sondern darum, damit zu leben. Unter der Sonne zu sitzen und die Tränen fließen zu lassen. Die Liebe unter der Trauer spüren – die euch daran erinnert, warum es so weh tut. Gefühle müssen nicht verändert werden. Sie müssen gefühlt werden.
Ich möchte, dass ihr wisst: Egal, was wir durchgemacht haben – jede Schwierigkeit, unser größter Verlust, jede Herausforderung – wir haben es gemeinsam geschafft. Und ich würde keinen einzigen Schritt davon eintauschen.
Wenn ich mich allein fühle, als würden die Wände auf mich zukommen, erinnere ich mich daran, dass ihr zwei bei mir seid. Wenn ich das Gefühl habe, nicht zu wissen, was ich tue, erinnert ihr mich daran, dass ich es für euch leicht aussehen lasse. Wenn ich dieses Ziehen im Herzen spüre, weil wir getrennt sind, weiß ich, dass ihr es auch fühlt. Wenn ich denke, ich hätte nichts erreicht, sehe ich eure Lächeln und weiß, dass euer Herz erfüllt ist.
Wenn ich das Gefühl habe, nicht mehr zu wissen, wer ich bin, als könnte ich mich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen, weiß ich, dass mein Gesicht das ist, zu dem ihr aufschaut – wenn ihr etwas erreicht oder einfach lächelt.
Wenn ich spüre, wie schwer alles auf meinem Herzen liegt, darf ich euch einfach ein bisschen länger umarmen. Es gibt keinen einzigen Moment, in dem ihr nicht mein Grund seid, weiterzumachen.
Ich weiß sehr wohl, dass ich nicht immer perfekt bin. Ich habe nicht immer die richtigen Antworten und treffe nicht immer die richtigen Entscheidungen. Manchmal schaffe ich nicht, was ich mir wünsche. Ich werde müde. Müde davon, das zu tragen, was eigentlich zwei Menschen tragen sollten …
Allein – aber mit einem Lächeln im Gesicht. Damit ihr auch lächeln könnt. Ich bin die Versorgerin, die Beschützerin, diejenige, die Trost spendet. Und ich wünschte, ihr wüsstet: Meine Stille ist kein Zorn – sie ist Überleben. Ich darf nicht zerbrechen. Niemals.
Denn wer würde die Stücke aufsammeln, wenn ich es täte? Niemand ist da, um die Last mit mir zu tragen.
Und trotzdem bin ich jeden Tag da und erziehe euch damit ihr stark werdet, stärker, als ich mich selbst je gefühlt habe. Die einzigen Arme, die am Ende des Tages auf mich warten, sind eure – und für diese versuche ich stark zu bleiben. Ich versuche, euer Sicherheitsnetz zu sein, euer Fels, und der sichere Ort, zu dem ihr immer kommen könnt. Ich versuche, alles zu sein – und habe doch oft das Gefühl, nicht genug zu tun.
Aber ihr habt keine zerbrochene Version von mir verdient. Ihr verdient eine Liebe, die euch nicht belastet. Eure Mama weigert sich, unter einer Last zu zerbrechen, die sie gar nicht allein tragen sollte. Ich sehe, wie ihr mich anseht – mit Vertrauen und Hoffnung, mit diesem unschuldigen Glauben, dass ich alles schaffen kann.
Ich werde dafür kämpfen, wieder diese Version von mir zu werden, die ihr verdient. Nicht nur, indem ich euch liebe, sondern indem ich mich selbst genug liebe, um wieder heil zu werden.
Es gibt noch Dinge, die ich eurem Papa sagen möchte. Kleine Dinge. Etwas, das heute passiert ist, ein Witz, über den er gelacht hätte. Und dann erinnere ich mich an sein Ende, das niemand hätte vorausahnen können. Es ist schwer, die Seite umzublättern, wenn man weiß, dass jemand im nächsten Kapitel nicht mehr da sein wird.
Aber eine Seite umzublättern, bedeutet nicht zu vergessen. Es bedeutet, ihn bei uns zu tragen – in der Liebe, die er uns gegeben hat und in der Stärke, die er hinterlassen hat.“[ii]
Dieser Abend wird uns unvergesslich bleiben. Und er erinnert uns daran, dass durch diese Opfer eine Schuld entsteht, die niemals wirklich beglichen werden kann, eine Verantwortung, die bleibt. Denn diejenigen, die fallen, während sie Israel verteidigen, geben etwas Unersetzliches. Keine Zeremonie, keine Worte, kein Akt des Gedenkens kann diesen Verlust ausgleichen.
Aber wir können mit unserer Liebe und unserer Unterstützung an der Seite derer stehen, die sie zurückgelassen haben. Wir können ihnen dabei helfen, die Last zu tragen, zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass sie ihr Leben nicht alleine neu aufbauen müssen. Wir können sie begleiten – ein Leben lang.
Seit 35 Jahren begleitet die IDF Widows & Orphans Organization diese Familien. Ihre Programme bieten Unterstützung in jeder Lebensphase: für junge und ältere Waisen, schwangere Witwen und für Waisen, die im Schatten des Verlustes aufwachsen. Doch der Weg ist lang. Die Umstände verändern sich mit der Zeit – und damit muss sich auch die Unterstützung verändern, die diese Familien erhalten.
Eines jedoch wird sich jedoch niemals ändern: Der Bedarf an dieser Unterstützung genauso wenig wie das Engagement für diese Familien. Es ist keine Aufgabe für eine einzelne Person, oder eine Organisation, es ist die gemeinsame Verantwortung aller, die Israel lieben.
An alle, die bereits unterstützen: Wisst, dass eure Unterstützung diese Familien nicht nur an einem Gedenktag erreicht, sondern an jedem einzelnen Tag des Jahres. Für den Rest ihres Lebens. Danke dafür!
ARC to ISRAEL ist ein Partner der IDFWO und unterstützt ihre wertvolle Arbeit für Witwen und Waisen. Mehr Informationen darüber unter: www.arc-to-israel.org/witwen-waisen
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Erstveröffentlichung: 1. Mai 2026
Copyright © Brigitte Chaya Nussbächer; Abdruck nur nach vorheriger Genehmigung

