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Zwischen zwei Realitäten

Wie wir Israel 2026 erlebt haben

von Brigitte Chaya Nussbächer

Kotel Soldaten

Israel zwischen Gedenken, Trauer ...

Israel ist 2026 ein Land zwischen zwei Realitäten: zwischen Bunkern und blühenden Gärten, zwischen Trauer und Lebensfreude, zwischen gestern und morgen.


Wir begegnen Menschen, die trotz Zerstörung, Verlust und Unsicherheit ihr Land wieder aufbauen – und uns tief berühren. Wir erleben Jerusalem, die Wüste, Nir Oz und Orte, an denen Schmerz und Neubeginn unmittelbar nebeneinanderliegen. Und wir entdecken, warum ein persönlicher Besuch gerade jetzt mehr bewirken kann, als wir ahnen. 


Kommt 2027 mit uns nach Israel – und erlebt mit eigenen Augen das Land und die Menschen, die man nie wieder vergisst

Am 14. April kommen wir, wider jedes Erwarten, in Israel an. Am Yom Haschoa. Eine Waffenruhe, von der niemand weiß, was davon zu halten ist; die Schnelligkeit und Resilienz mit der EL AL seine Flüge reaktiviert hat und unsere Entscheidung, die Reise trotz aller Unsicherheiten zu wagen, haben dazu geführt. 

Und wir sind keineswegs unbeschwert. Es ist eher so, als hätten wir seit unserem Abflug den Atem angehalten und dieser Zustand wird bleiben, bis wir wieder zurück in Europa sind. Denn die Waffenruhe soll bereits 5 Tage vor unserem geplanten Abflug aus Israel zu Ende sein. Und bei zwei so unberechenbaren Parteien wie dem Iran einerseits und Donald Trump andererseits ist alles möglich.


Auch wird es zu einer großen Herausforderung für uns, für die nächsten zwei Wochen unsere persönliche Situation auszublenden: Die Tatsache, dass wir unser Heim jetzt noch früher als befürchtet verlassen müssen und bislang keine Alternative gefunden haben. Doch wir wollen im Hier und Jetzt leben und uns auf die Menschen, die wir besuchen, konzentrieren. Aber in den Nächten werden uns die düsteren Gedanken immer wieder einholen …


Als wir schließlich in Tel Aviv landen (bis zum letzten Augenblick haben wir befürchtet, dass das Flugzeug wie viele andere davor, wegen iranischen Angriffen abdrehen muss und uns zu einem anderen Flughafen bringt) beginnt eine Zeit, die zwischen zwei gegensätzlichen Realitäten zu liegen scheint. 


Der Flieger ist bis auf den letzten Platz belegt, voller Familien, die wegen des Krieges nicht nach Israel zurückkonnten. Aber außer uns sind nur noch zwei ausländische Reisende an Bord; einer davon sitzt direkt neben uns – ein Kriegsreporter! Während wir über die Landebahn anrollen, sehen wir links und rechts Dutzende amerikanische Flugzeuge parken. Diese Tankflugzeuge haben dafür gesorgt, dass die israelischen Kampfjets ohne Unterbrechung fliegen und in der Luft betankt werden konnten. Auch jetzt stehen sie einsatzbereit – ein weiteres Indiz dafür wie unsicher diese Waffenruhe ist.

Die große Halle, in der sich früher hunderte Touristen drängten, ist völlig menschenleer, nur zwei Abfertigungsschalter sind belegt. Doch so schnell wir durch die Passkontrolle kommen, bei der meine Namensänderung zu Chaya wohlwollend bemerkt wird, so lange stehen wir vor dem Kreisel-Band der Gepäckausgabe. Und müssen am Ende zur Kenntnis nehmen, dass Haralds Koffer aus irgendwelchen Gründen in Zürich geblieben ist und uns frühestens in zwei Tagen zugestellt werden kann. Der Schalter, an dem wir unseren Mietwagen abholen wollen, ist ebenfalls nicht besetzt. Wir rufen die angegebene Nummer an und erhalten die Auskunft, dass wir abgeholt und zu einem anderen Büro gebracht werden. Wie naiv sind wir eigentlich: haben wir wirklich geglaubt, dass hier alles unverändert weiter funktioniert – nach über 40 Tagen intensivem Beschuss, der den Großteil der israelischen Bevölkerung jeden Tag für viele Stunden in die Bunker zwang? 

Dann kämpfen wir uns durch den überraschend dichten Verkehr nach Jerusalem. Deutlich später als erwartet kommen wir abends in unserem Hotel an. Die Gänge sind gespenstisch leer und bedrückend still. Die Last auf unseren Seelen wird immer schwerer. Wir schauen uns den Bunker an. Deutlich besser und größer als in unserem früheren Hotel: eine ganze unterirdische Etage ist entsprechend ausgebaut worden: der Speisesaal, Toiletten und eine Lobby mit Sofas befinden sich hier. Da kann man zur Not tagelang ausharren und arbeiten. 


In den kommenden zwei Wochen werden wir jeden Tag zu einem Ziel aufbrechen, als hätte es nie einen Krieg gegeben und jeden Abend eine „Not-Tasche“ mit den wichtigsten Dingen packen, um bei Sirenenalarm in den Bunker zu flüchten. Wir werden wie die Israelis in ständiger Anspannung sein und bei jedem lauten Ton zusammenzucken. Wir werden die Nachrichten verfolgen und hoffen, dass die nächsten Stunden, die nächste Nacht das Inferno nicht erneut beginnt. Wir werden Termine ausmachen und Pläne schmieden, als gäbe es nichts, was diese in Frage stellt und doch am Ende immer „bezrat HaShem“ (so Gott will) hinzufügen, weil wir uns sehr wohl bewusst sind, auf welch dünnem Boden wir uns bewegen. Auch wir werden in und zwischen zwei Realitäten leben.

Der nächste Morgen begrüßt uns mit Sonnenschein und dem Ausblick auf den Ölberg. Wir frühstücken im düsteren Bunker und sind froh, als wir wieder draußen sind und die „goldenen“ Straßen Jerusalems unter unseren Füßen spüren. Auf den ersten Blick scheint die Stadt unverändert, Menschen eilen durch die Gassen, PKWs hupen, Blumen lachen einem zu, Straßenmusiker spielen – alles ist voller Leben. Auf den zweiten Blick fallen einem die vielen leeren und verrammelten Läden in der Fußgängerzone auf. In den letzten 30 Monaten sind unzählige Reservisten immer wieder eingezogen worden. Wer keine Vertretung hatte, musste schließen. Alle, die vom Tourismus abhängig sind, haben kaum eine Überlebenschance. Viele kleine und junge Unternehmen mussten aufgeben. Auch im Basar ist die Hälfte der Türen verschlossen, in den sonst so überfüllten engen Gassen hört man nur das Echo der eigenen Schritte. Alles Posten in der Bilanz des Krieges.

JLM

Leere Straßen ...

Doch Moshe und Dov halten auf dem Platz der Hurva Synagoge weiter durch. Unabhängig davon, wie hart diese Jahre auch sie getroffen haben, wollen sie mit ihrem Shorashim Shop weiterhin ein Licht und Ansprechpartner für diejenigen sein, die trotz allem nach Israel kommen. Die Freude des Wiedersehens ist groß und es macht uns richtig glücklich von ihnen zu hören, wie sehr sie unsere Arbeit für Israel ermutigt und wie sie unsere Nachrichten in ihren Kreisen weiterverbreiten. Moshe war letztes Jahr der erste, dem ich von meinem Buchauftrag erzählt habe und jetzt kann ich  ihm den fertigen Band von „Israels Zerreißprobe – Die Schicksalsjahre um den 7. Oktober 2023“ überreichen. Und sein Vertrauen zu uns ist so groß, dass er das Buch in seinem Shop aufnehmen und empfehlen möchte, auch wenn er es selbst nicht lesen kann.

Am nächsten Abend lernen wir endlich David Metzler, den Direktor für Internationale Beziehungen der IDFWO (Organisation für Witwen und Waisen), persönlich kennen. Wir sind zum Abendessen im alten Bahnhof von Jerusalem verabredet. Auf diesem historischen Gelände stehen heute zahlreiche Lokale und hier scheint die Lebenslust ungetrübt. Die Tische sind belegt, man hört lebhafte Stimmen und Gelächter. Nur die allgegenwärtigen Schilder mit „Protected area“ erinnern an die latente Bedrohung. Ansonsten setzt sich die israelische Resilienz durch und das Leben wird gefeiert. 


Und wir haben die Chance uns auszutauschen – und Pläne zu schmieden. Seit wir im letzten Jahr Shlomi, den Geschäftsführer getroffen haben, hat unsere Zusammenarbeit Fahrt aufgenommen und dank vieler Menschen aus Deutschland, denen die Witwen und Waisen der gefallenen Soldaten in Israel ebenso am Herzen liegen wie uns, sind viele Spenden zusammen gekommen. David möchte die Organisation auch in Europa noch bekannter machen und wir werden ihn dabei unterstützen. Eine Gelegenheit dazu ergibt sich bereits in den kommenden Tagen. Er hat einen Artikel „Die unbezahlte Schuld“ zum Jom HaZikaron, dem Gedenktag für die Gefallenen, geschrieben, in dem er die bleibende Verantwortung für die Familien, die bereits das höchste Opfer für die Verteidigung des Landes gebracht haben, thematisiert. Diesen Artikel übersetze ich, wir veröffentlichen ihn auf unserer Website und versenden ihn an unseren Verteiler. 


Er hofft, in diesem Jahr nach Deutschland zu kommen und dass wir ein gemeinsames Event organisieren, aber im Augenblick ist die Lage noch zu unstabil, um konkrete Termine ins Auge zu fassen. Drei Europa Reisen hatte er schon für dieses Jahr geplant und konnte keine davon antreten. Die IDFWO hatte zum Unabhängigkeitstag ein einwöchiges Event in Israel für reiche Philanthropen aus aller Welt organisiert, das aufgrund des Krieges abgesagt werden musste. Doch David lässt sich davon nicht entmutigen. Er spricht davon, wieviel Erfüllung ihm sein so wichtiger Dienst an den Witwen und Waisen gibt, für den er sein eigenes Business aufgab und er erzählt, wie kreativ die IDFWO manchmal werden, um schnell und unbürokratisch helfen zu können. Sie versuchen ein Anker der Hoffnung, ein Zuhause, ein positiver Gegenpol zu sein, der den Schmerz, den Verlust, das Leid der Witwen und Waisen lindert und ihnen hilft, zu hoffen und ihr Leben neu aufzubauen.

Kurz nach dem 7. Oktober hat Shlomi ihn gebeten, der Organisation beizutreten, die er schon davor ehrenamtlich unterstützt hatte. Wir sehen seine leuchtenden Augen, wir hören die Wärme in seiner Stimme, als er sagt, dass er die Stunden nicht zählt, die er investiert und wir sind glücklich zu hören, wie sehr sie unsere Unterstützung wertschätzen – auch wenn diese, gemessen an dem aktuellen Bedarf, sehr bescheiden ist. Und wir sind beeindruckt, wie wenig er sich durch die Realität der ganzen geplatzten Pläne entmutigen lässt und stattdessen seine innere Realität der Zuversicht dagegensetzt. 


Freitag Morgen brechen wir in den Süden auf und fahren zum Wüstenkibbuz „Mashabei Sade“. Hier wollen wir nächstes Jahr mit einer Reisegruppe übernachten und es uns deshalb vorher ansehen. Es mutet geradezu absurd an, im touristenleeren, kriegsgeschüttelten Israel Pläne für Gruppenreisen zu schmieden. Viele Airlines haben ihre Flüge hierher langfristig ausgesetzt. Und doch haben wir in den Jahren von den Israelis gelernt, auf die Hoffnung zu setzen. Und es ist uns so wichtig, dass gerade in diesen Zeiten mit viel antisemitischer Berichterstattung, Menschen die Möglichkeit haben, das reale Israel persönlich kennen zu lernen. Das Kibbuz mit seinem Schwimmbad und Blumen mitten in der Wüste ist ein perfektes Beispiel für diese Haltung, die sich von nichts einschüchtern lässt, für ein Leben, inmitten und trotz aller widrigen Umstände.


Obwohl Freitagnachmittag jeder nach Hause möchte, um den Schabbat vorzubereiten, führen uns die Mitarbeiter durch die Anlage. An diesem Wochenende sind sie endlich wieder voll ausgebucht – aber die meisten der Buchungen wurden erst am Vortag getätigt. Auch hier wieder die zwei Realitäten: wenn man sieht, wie ausgelassen fröhlich Eltern mit ihren Kindern hier spielen, denkt man nicht, dass sie ein Wiederaufflammen des Krieges so sehr befürchteten, dass sie erst 24 Stunden vorher buchten.


Unerwarteterweise wird die Begegnung mit der Managerin hier zu einer der berührendsten Episoden unserer Reise. Sie fragt mich nach dem Antisemitismus in Deutschland und ist ungläubig erstaunt, dass ich den Davidstern seit dem 7. Oktober offen, ständig und unbehelligt trage. Sie kann es kaum glauben, als ich ihr sage, dass es in Deutschland auch viele Menschen gibt, die Israel lieben. Als Beweis übergebe ich ihr ein paar der Karten, die unsere Gäste beim Israelevent am 28. Januar für die Menschen in Israel geschrieben hatten, um ihre Zuwendung und Solidarität auszudrücken. Und als ich ihr dann auch vom Event erzähle und mein Buch „Israels Zerreißprobe“ zeige, bricht sie in Tränen aus. „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Selten hatte ich bisher die Möglichkeit, das so unmittelbar zu tun, einem bisher unbekannten Menschen Liebe, Anerkennung und Bestätigung zuzusprechen. Und ebenso selten hatte ich den Eindruck, dass meine Worte so aufgesogen, so ernst genommen werden und so einen Unterschied bewirkt haben.

Mashabei

Wir fahren weiter zu Shaul und Julia, die im letzten Jahr ihre Lieder in der Wüste für uns gespielt und uns damit einen überirdischen Moment geschenkt haben. Und wir zeigen ihnen, wie sie anfangen können, ihre Vision vom Musikfeld zu leben, auch wenn der Ausbau der Region sich kriegsbedingt verzögert. Denn 2027 wollen wir mit unserer Reisegruppe vorbeikommen und bitten sie, genau wie vor einem Jahr, ein Konzert für die Teilnehmenden mitten in der Wüste, unter freiem Himmel zu geben. Die beiden sind Feuer & Flamme und während dem Schabbat Mahl, an dem munter in fünf Sprachen kommuniziert wird, besprechen wir schon Details. Was ist realer: die fehlende Infrastruktur oder unsere Entschlossenheit, uns davon nicht ausbremsen zu lassen? 

Über uns hören wir Hubschrauber, plötzlich eine Explosion. Wir zucken zusammen, die anderen sind ungerührt, für sie ist das seit über zwei Jahren Alltag. Die Waffenruhe, die seit dem Deal zur Freilassung der letzten lebenden israelischen Geiseln mit der Hamas geschlossen wurde, ist brüchig. Die Terrororganisation rüstet erneut auf und immer wieder gibt es Attacken auf die israelischen Soldaten, die die provisorische Grenze, die gelbe Linie, sichern. Verstöße, die Israel nicht unbeantwortet lässt. Die Gespräche rund um den Schabbattisch gehen fröhlich weiter, die Kerzen leuchten, als sei nichts geschehen. Die Menschen in dieser Region haben so viel durchgemacht und gelernt, der permanenten Bedrohung ihre Resilienz entgegenzusetzen. Am nächsten Morgen brechen Julia und Shaul auf, um ein privates Konzert für eine Jubilarin zu geben. Während des Irankriegs mussten sie 40 Tage lang untätig sein, größere Veranstaltungen waren wegen der Gefahr vom Heimatkommando untersagt. Doch kaum schweigen die Waffen, sind sie umso mehr unterwegs.


Tags darauf besuchen wir auch Roni und Ofer, die nach mehr als 1,5 Jahren Evakuierung endlich wieder in ihr Kibbuz „Kerem Shalom“ im Dreiländereck, nur 30 Meter von Gaza und 1 Kilometer von Ägypten entfernt, zurückkehren konnten. Sie sind in einem provisorischen Haus untergebracht, denn ihr eigenes Haus müssen sie erst wieder aufbauen. Sie hoffen, es bis Ende des Jahres zu schaffen. Der Kibbuz ist eine Mischung aus Chaos, Trümmern und … Neubauten. Und es gibt eine Warteliste von jungen Menschen, die, aller reellen Gefahr zum Trotz, voller Hoffnung dorthin ziehen möchten.

Am Sonntag erreichen wir die Rimon Therapie-Zentren, die traumatisierten Terroropfern und Soldaten helfen, in den Alltag zurückzufinden und die die Gemeinden an der Gaza Grenze dabei unterstützen, wieder neu aufzubauen. Wir sehen die ganz junge Or Haner Farm und lernen das Mitarbeiterteam vom Shekef Hof kennen und auch die jungen Menschen, die hier ein Jahr lang einen freiwilligen Dienst leisten, bevor sie zur Armee gehen. Die Überzeugung und die Begeisterung, die in diesen Männern und Frauen brennt, sind faszinierend. Sie gehen mit einer Liebe, Hingabe und Entschlossenheit daran, Menschen und Gemeinden zu helfen und zu heilen, die ihresgleichen sucht. Sie werfen ihre innere Kraft auf die Waagschale, um die Last der unzähligen Traumata auszugleichen, die durch das Massaker der Hamas und den danach folgenden mühsamen, zermürbenden Häuserkampf in Gaza verursacht wurden.


Was hier in den 2,5 Jahren seit dem 7. Oktober aus dem Nichts entstanden ist, ist zutiefst beeindruckend. Man möchte sich ihnen anschließen, man möchte hierbleiben und einfach mitmachen. Unsere Seelen beginnen zu tönen. Und doch wissen wir, dass dieser Wunsch unerfüllt bleiben wird. Aber wir können sie weiterhin aus der Ferne mit unseren Spenden unterstützen! Ähnlich wie auch bei der IDFWO fühlen wir auch hier die Diskrepanz zwischen dem enormen Bedarf und unseren begrenzten Möglichkeiten. Und sind sehr berührt davon, wie hoch unsere Hilfe trotzdem geschätzt und gewürdigt wird.

Rimon1

Auch die nächsten Tage geht es mit Begegnungen weiter. Efrat, vom ehemaligen Hostage Forum besucht uns in Jerusalem und wir treffen Corinne, unsere Reiseleiterin, in Modiin. Bei jedem dieser Menschen spüren wir trotz ihrer ungebrochenen Haltung, ihres Selbstbewusstseins und ihrer Würde, die Wunden und sehen die Narben, die diese 2,5 Jahre Krieg und weltweiter Antisemitismus hinterlassen haben, aber wir erkennen auch die innere Stärke, die sie weiter trägt und nicht aufgeben lässt. Und wir hätten nie gedacht, dass unser Besuch in dieser Zeit ihnen so viel bedeuten würde und auch nicht, dass unsere Karten vom Israel-Event die Herzen so sehr berühren würden. Es ist, als würden wir jeden Tag den lebendigen Beweis dafür erbringen, dass es noch eine andere Realität gibt, eine Realität von Menschen, die zu Israel stehen, die Israelis lieben und bereit sind mit Wort und Tat anzupacken und zu helfen. 


Doch gleichzeitig merken wir auch immer wieder, wie wenig wir tatsächlich tun können und müssen gegen das Gefühl der Ohnmacht und Wirkungslosigkeit ankämpfen. Denn es ist uns nur zu bewusst, dass wir, selbst wenn wir unsere ganze Kraft und Zeit und alle unsere Ressourcen einsetzen, nur vergleichsweise wenig Menschen tatsächlich ermutigen und unterstützen können. Auch das sind zwei gegensätzliche Realitäten, zwischen denen wir uns zerrieben fühlen.


Dann wieder erleben wir die Vereidigung von Soldaten an der Kotel mit Bibel und Maschinengewehr, erleben ihre ungebrochenes Potential. Diese jungen Menschen sind nicht nur Israels Zukunft, sie sind auch die Voraussetzung dafür, dass es diese Zukunft geben kann. Die Sonne glänzt auf dem energiegeladenen Areal. Hier, vor der Jahrtausende alten Mauer, neben dem Platz wo Abraham und Isaak Gottes Eingreifen erlebten, geben sie ihr Versprechen ab. Während sich ihre Stimmen wie eine einzige erheben und der Platz davon widerhallt, verschmelzen Vergangenheit und Zukunft. Hunderte Soldaten sind in den letzten zwei Jahren gefallen, fast 30.000 seit der Staatsgründung. Doch hier rücken frische Kräfte nach, bereit mit dem Einsatz ihres Lebens die Existenz Israels zu sichern – und das Land weiter aufzubauen. Israel hat in den vergangenen 78 Jahren aus Sümpfen und Wüste ein blühendes Land geschaffen. Aus dem Schmerz der Holocaustüberlebenden und im Schatten der Erinnerung an 6 Millionen Tote entstand Lebensenergie, eine junge Nation voller Innovationsgeist und Tatendrang. Und die Zeremonie heute zeigt ihren Willen, dieses Erbe anzutreten und fortzuführen.

IDF Vereidigung

Eine letzte Fahrt führt uns noch einmal in den Süden – nach Nir Oz. Was ist aus diesem einst wunderschönen Paradies geworden, das am 7. Oktober verwüstet und abgebrannt wurde?


Während wir mit Shlomo und Smadar durch die Gassen streifen und sie uns auf die Veränderungen aufmerksam machen, sind die Stille und Leere  immer noch gespenstisch. Viele der zerstörten Häuser wurden mittlerweile abgerissen. Nur die Bunker stehen noch, von denen einige von den Hinterbliebenen zu Gedenkstätten umgestaltet wurden. Und doch hört man Baulärm. Neue Häuserreihen entstehen. Manchmal direkt neben einer abgebrannten Ruine. Erinnerung oder Neubeginn oder beides? Die Interessen gehen auseinander. Sigal wünscht, dass der Ort an dem Dolev bei der Verteidigung des Kibbuzes gefallen ist, nicht verändert wird. Ein schmerzliches Mahnmal. Doch diejenigen, die bald in die neu entstehenden Häuser einziehen wollen, möchten die Grauen der Vergangenheit und die potentielle Gefahr, in der sie leben, nicht ständig vor Augen haben. Sie möchten unbeschwert lachen können. Sie wollen, dass dieser Ort einmal wieder vor Leben sprüht. Das ist ihr Sieg über das Massaker. Und doch rufen die vielen frischen Gräber von nebenan und die Schatten der Ermordeten liegen auf dem Ort.

Nir oz 2

Nir Oz zwischen Zerstörung, ...

Am 27. April schließlich steigen wir in den Flieger zurück nach Deutschland. Unglaublich, aber wahr, die Waffenruhe mit dem Iran war stillschweigend verlängert worden, es gab keine Angriffe während wir in Israel waren. Was für eine Gnade. Wir konnten fast alle treffen, die wir treffen wollten und haben bereits Brücken in die Zukunft gebaut – ins Jahr 2027, wenn wir mit einer Reisegruppe wiederkommen wollen. Schon 2025 hatten wir davon geträumt. 

Aviel

So gerne würden wir auch anderen zeigen, was uns hier so berührt und beeindruckt. Insbesondere denen, die mir nach der Veröffentlichung meines Buches „Israels Zerreißprobe“ geschrieben haben, wie sehr sie dieser authentische Bericht berührt hat. Doch auch wenn ein Buch viel vermitteln kann, ist es etwas ganz anderes, diese Dinge mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben. Es soll eine Reise zu den Ursprüngen und in die Geschichte des modernen jüdischen Staates werden, eine Reise zu dem Herzen des jüdischen Volkes, eine Reise, die auch Verständnis für das, was in den letzten Jahren geschehen ist, schafft. Eine Reise zu den lieb gewordenen Freunden, zu den betroffenen Familien und auch zu den Organisationen, die hier mit großem Engagement und Herzblut daran arbeiten, das Land wieder aufzubauen. Wir haben hier in Israel mit allen gesprochen, haben Pläne geschmiedet und Details abgestimmt – in bewusster Ausblendung aller Bedrohungen und der aktuellen Situation. 

Flyer 1

Reiseprospekt 2027.

Denn wir haben eines gelernt in den ganzen Jahren: den „richtigen“ Zeitpunkt, Israel zu besuchen gibt es nicht. Jedes einzelne Mal, bevor wir uns auf den Weg gemacht haben, gab es latente oder akute Bedrohungen und Angriffe. Doch jedes einzelne Mal hat Gott uns geführt, bewahrt und gesegnet. Und je größer die Bedrohung zu sein schien, umso mehr hat unser Besuch den Menschen hier bedeutet und umso intensiver haben wir Gottes Gegenwart erlebt. 


In vier Stunden werden wir wieder in Deutschland sein. Ich sage bewusst nicht "daheim". Denn unser Herz bleibt hier, in diesem Land bei diesen Menschen. Nicht nur Israel – auch wir leben zwischen und mit zwei Realitäten. Und alles, was wir an Zuhause in Deutschland, in Esslingen gefunden hatten, werden wir in den kommenden Monaten aufgeben müssen. Doch wir versuchen, über die dunklen kommenden Wochen hinweg zu schauen, den Abschiedsschmerz auszublenden und stattdessen den verborgenen Segen zu suchen und die Zukunft zu gestalten. Bis nächstes Jahr in Jerusalem!

Wenn Sie über neue Veröffentlichungen, Projekte, Veranstaltungen oder Reisen von ARC to Israel informiert werden möchten, geben Sie uns bitte eine kurze Rückmeldung via Kontaktformular. Wir würden uns freuen, mit Ihnen verbunden zu bleiben.

Erstveröffentlichung: August 2026

Copyright ©  Brigitte Chaya Nussbächer; Abdruck nur nach vorheriger Genehmigung

Hurva

...Wiederaufbau und Freude.
Fotos privat

Ankunfthalle

Überall im Land wird an die Schoa erinnert. Foto privat

Tankflugzeuge

Amerikanische Tankflugzeuge am Ben Gurion Flughafen. Foto privat

Abflughalle

Leere Ankunftshalle, nicht besetzte Abfertigungsschalter. Foto privat

Frühstück

Frühstück im ausgebauten Bunker. Foto privat

Bazar

... geschlossene Läden im Basar. Foto privat

Moshe

Israels Zerreißprobe gibt es jetzt auch bei Moshe in Jerusalem. Foto privat

David

Mit David im alten Bahnhof von Jerusalem. Foto privat

Mashabim1

Im Wüsten-Kibbuz Mashabei Sade. Foto privat

Shaul

Schabbat Mahl bei Shaul und Julia. Foto privat

Rony

Roni und Ofer bauen ein neues Haus in Kerem Shalom. Foto privat

Rimon3

Bei den Rimon Therapiezentren. Fotos privat

IDF Soldatinnen

Vereidigung an der Kotel. Fotos privat

Nir Oz 1

... Abriss ...

Smadar Shlomo

Begegnungen mit lieb gewonnenen Freunden.
Fotos privat

Abflug

Lehit raot. Foto privat

Mashabim2
Rimon2
IDF Kotel
Nir Oz 3

... und Neuaufbau. Fotos privat

Corinne
Flyer 24

Reiseprogramm, Tag für Tag.

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